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Was Bücher über die Vergangenheit ihrer Besitzer erzählen

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Provenienzforschung ist ein bisschen wie Detektivarbeit. Und die Erfolgserlebnisse bei der Suche nach der Herkunft machen den Beteiligten richtig Freude. Das ist deutlich zu spüren beim ersten „Lost Books Lab“ in der Hochschule für Jüdische Studien (HfJS) in Heidelberg. Ein Koffer voll alter Bücher steht dort bereit. Sie warten darauf, dass man ihre Herkunft feststellt und sie womöglich den Nachkommen ihrer einstigen Besitzer zurückgeben kann.

Die Bücher im Koffer stammen von jüdischen Bürgern, die sie in ihrem wenigen Hab und Gut mitnahmen, als sie von den Nationalsozialisten in Arbeits- und Vernichtungslager gebracht wurden. Oder sie waren Teil der Bibliotheken in jüdischen Einrichtungen und Hochschulen. Auch diese wurden im „Dritten Reich“ systematisch ausgeraubt, weil man sie für antisemitische Studien verwenden wollte oder als Belege für die Nazi-Ideologie brauchte, wie Kinga Bloch beim „Lost Books Lab“ vortrug. Die deutsche Historikerin an der Queen Mary University of London leitete zusammen mit Philipp Zschommler, dem Provenienz-Forscher an der HfJS, die neuen Workshops. Diese werden von der Baden-Württemberg Stiftung genauso wie von den Leo-Baeck-Instituten – sie bewahren jüdische Dokumente, Bücher, Erinnerungsstücke – gefördert. Die Workshops sollen historische Bildung mit aktiver Recherche verbinden.

Ein Vorgänger war vor zwei Jahren die Ausstellung „Library of Lost Books“, die von den Leo-Baeck-Instituten Jerusalem und London getragen wurde. Sie zeigte auch in Heidelberg Bücher aus der einstigen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, die heute weltweit verstreut sind. Die Website der Library wurde damals mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet.

Die Idee, dass man Spuren der NS-Verfolgung auch im Bücherregal finden kann, kann nun aus der Wissenschaft heraus in die Bevölkerung getragen werden. Bis zum Tag der Provenienzforschung im April sollen beispielsweise Unternehmen und Berufsschüler für das Thema interessiert werden. Unternehmen? Kinga Bloch erinnert an vergessene Verflechtungen in Baden-Württemberg: Der Schuhhersteller Salamander begann als deutsch-jüdisches Unternehmen. Die AEG der Familie von Walther Rathenau legte einst die erste Fernstromleitung von Lauffen am Neckar nach Frankfurt. Auch Südzucker mit seinen jüdischen Anteilseignern, Vorständen und Aufsichtsräten gehört dazu. „Die jüdischen Unternehmer waren so verwoben mit tollen Sachen, die uns bis heute begleiten.“

Aber wie lässt sich die Geschichte der Bücher lesen? Die Werke aus Philipp Zschommlers Koffer tragen forensische Spuren, die die Suche erleichtern können: Stempel, Aufkleber, persönlich gestaltete Exlibris, Widmungen. Im Band „Die Geburt des Antichristen“ etwa, einem Thriller, der laut einem Exlibri einst Martha Gubat gehörte, tauchen gepresste vierblättrige Kleeblätter auf. Das Buch „Gesichte“, das die Dichterin und Zeichnerin Else Lasker-Schüler auf dem Titelblatt Fred Hildenbrand, dem Feuilletonchef des Berliner Tageblattes, widmete, fand sich im Bücherbestand des Konzentrationslagers Theresienstadt. „Das Buch hat mir ein bisschen den Atem geraubt“, sagt Kinga Bloch.

Radha Banhatti wird beim Workshop fündig. Das Buch „Möppi – Memoiren eines Hundes“ von Adolf Uzarski gehörte einst einer Hilde Schneider. Aus verschiedenen digitalen Archiven schält sich eine Besitzerin heraus, die als Christin jüdischer Herkunft 1942 in Wien verhaftet und nach Theresienstadt gebracht wurde. Die Gedenkstätte Yad Vashem kennt ihre Häftlingsnummer: 758. Eine gleichnamige Frau wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Hier muss noch weiter recherchiert werden, wenn man Nachkommen finden will, die sich über das alte Buch als Erinnerung an ihre Verwandte freuen. Vielleicht gibt es irgendwo einen Schriftabgleich zur Signatur? Philipp Zschommler kennt die einschlägigen Internetseiten der Ahnenforschung: Ancestry, FamilySearch, MyHeritage … Radha Banhatti findet, dass man sich schon Mühe geben müsse, eine Person zu entdecken, „deren Leben brutal durchgeschnitten wurde“.

Hanna Zabolotna, Grafik-Designerin und jetzt Studentin der Populärkulturen in Heidelberg, findet es faszinierend, solche alten Zeugnisse eines Lebens in der Hand zu halten: „Das ist irgendwie schon Krimiarbeit.“ Ganz anders als ein E-Book, meint sie, „man kann es riechen, es hat Charme.“ Sie hat in ihrem Buch für Männer „Was ziehe ich an?“ von Autor Paul-Julius verschiedene Hinweise zusammengetragen, die Verlagsangabe, die von einem zweiten Verlagshinweis überklebt worden war, oder ein Umschlag, der aus einer Prager Monatszeitschrift vom Oktober 1939 gefaltet wurde und eine böhmisch-mährische Briefmarke trägt. Das Projekt gefällt der Studentin; sie steigt jetzt als HiWi ein.

Kinga Bloch greift weiter in die Kiste. „Barfüßele“ von Berthod Auerbach ist dabei, das laut Widmung im Konfirmationsjahr 1916/17 verschenkt wurde. Der Autor war mit seinen Geschichten aus dem Schwarzwälder Dorfleben damals ein Bestsellerautor. Oder das Gedenkbuch zum 125. Bestehen des Oberrats der Israeliten Badens von 1934 mit Aufsätzen zur Emanzipation der Juden in Baden oder einer Abhandlung über die jüdischen Volksschulen in Baden.

Welches Werk ging welchen Weg? Da derzeit viele Daten digitalisiert werden, wird die Recherche einfacher. „Wir haben viel mehr Chancen, Eigentümer ausfindig zu machen und haben schon einige Rückgaben durchgeführt“, sagt Philipp Zschommler. Im November soll der nächste Workshop stattfinden.

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Man sieht ein Stück vergilbtes Papier mit zwei unterschriften darauf. Oben steh Franziska Samuel und darunter 1908. Dann mit etwas Abstand dazwischen weiter unten steht Anneliese Beermann und daraunter 1927