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Bundesministerin Priens Heidelberger Hochschulrede mit Weckruf: „Perspektiven der Antisemitismusprävention in schulischen und außerschulischen Kontexten nach dem 7. Oktober“

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Am 22. Januar 2026 versammelten sich rund 140 Gäste in der Alten Aula der Universität Heidelberg zur Heidelberger Hochschulrede von Bundesministerin Karin Prien. Prien leitet das Ministerium Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Das Thema „Perspektiven der Antisemitismusprävention in schulischen und außerschulischen Kontexten nach dem 7. Oktober“ hatte Sicherheitsbedenken ausgelöst – glücklicherweise bewahrheiteten sie sich nicht.​

Vorab begrüßten Prof. Barbara Traub (Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, im Präsidium des Zentralrats der Juden und Vorsitzende des Hochschulkuratoriums) sowie HfJS-Rektor Dr. Andreas Brämer das Publikum. Prof. Traub warnte eindringlich, dass der 7. Oktober 2023 keine Geschichte sei: Hamas' Spaltungstaktik wirke weiter – von Chanukka-Morden in Sydney bis linksradikaler Gewalt in Leipzig und Freiburg. Bildung gegen Antisemitismus müsse unsere Gesellschaft widerstandsfähig machen.​

Dr. Brämer stellte Karin Prien vor – die erste Ministerin mit jüdischen Wurzeln im Bundeskabinett – und betonte ihre wegweisende Rolle in der Bildungsprävention.​

Bundesministerin Prien zog vor den Gästen aus Politik, Wissenschaft und jüdischen Gemeinden die Notbremse: „Das Tabu gegen Hass nach dem Holocaust ist zerrissen – das Biest ist zurück“, zitierte sie Schriftstellerin Jessica Durlacher. Der 7. Oktober 2023 habe die „Erinnerungsrepublik Deutschland“ erschüttert – Antisemitismus werde wieder normalisiert, in Schulen, Netz und Vereinen. Als Nachfahrin jüdischer Familien fragte sie ihre Generation: „Was haben wir falsch gemacht?“​

Prien forderte einen Sechs-Punkte-Plan gegen Antisemitismus, der „hartnäckig“ sei: fundiertes Wissen über Antisemitismus-Geschichte und Nahostkontext, vorbereitete Gedenkstättenbesuche, klare Haltung von Lehrer:innen als Verfassungsvertreter:innen. Emotionen wie Angst und Neid müssten abgebaut werden, um Empathie zu schaffen. Konfliktfähigkeit und digitale Medienkompetenz seien essenziell, um Desinformation auf Plattformen zu entlarven – ihr Ministerium fördere hierzu Projekte wie das HfJS-Projekt gegen Linksextremismus.​

Besonders eindringlich plädierte Prien dafür, jüdisches Leben sichtbar zu machen: weg vom „passiven Opfer“-Narrativ hin zu Widerstandskämpfern, Kulturikonen wie Heine oder Einstein und lebendigen Events wie der Jewrovision. Sie kündigte die Förderung des Yad Vashem Education Centres (2 Mio. € bestätigt) als europäisches Zentrum gegen Antisemitismus an.​

Prien endet positiv: „Die Erinnerungsrepublik ist nicht am Ende, sondern im Wandel.“ Deutschland stehe für Verantwortung – von der Israel-Beziehung bis Auschwitz-Prozessen. „Nie wieder ist kein Selbstläufer – jede Generation muss neu erinnern.“ Das war ein Gedanke, der ebenso im Gedächtnis bleibt, wie Priens Sechs-Punkte-Plan: Nicht die Erinnerungskultur ist am Ende, sondern die Art des Erinnerns, wie wir es gewohnt sind. Während die Zeitzeugen und -zeuginnen immer rarer, die Biographien der deutschen Gesellschaft immer bunter werden, müsse sich eben auch die Kultur des Erinnerns wandeln. Und wir alle werden in die Pflicht genommen – oder, wie Prien Kant zitierte: Es bestehe die moralische Pflicht zur Zuversicht –, die jedoch – anders als die Hoffnung – aktiv sei, als Haltung im Hier und Jetzt.

Im Anschluss an ihren Vortrag stellte sich Karin Prien einer ausführlichen Fragerunde mit dem Publikum. Rita Althausen, Vorstandsmitglied der IRG Baden, erkundigte sich, wie die Ministerin die längst überfällige Einrichtung eines deutsch-israelischen Jugendwerks konkret voranbringe. Prien machte deutlich, dass sie im Deutschen Bundestag bereits zusätzliche finanzielle Mittel eingeworben habe. Die eigentliche Hürde liege jedoch darin, dass die bewährten Modelle des deutsch-französischen und des deutsch-polnischen Jugendwerks aus israelischer Perspektive nicht ohne Weiteres auf ein deutsch-israelisches Format übertragbar seien. Gleichwohl bekräftigte sie, in den kommenden dreieinhalb Jahren den Jugendaustausch mit Israel nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ deutlich ausbauen zu wollen.

Viktor Marki vom Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft richtete den Blick auf die Situation an Hochschulen. Er wollte wissen, welche wissenschaftlich fundierten und nachweislich wirksamen Strategien das zuständige Ministerium favorisiere, um antisemitische Vorfälle an Universitäten zu verringern und sowohl Präventionsarbeit als auch Sanktionen – bis hin zur Exmatrikulation einschlägig bekannter extremistischer Studierender – zu stärken. Prien betonte in ihrer Antwort, die Hochschulen müssten sich kritisch hinterfragen: Wie gestalten sie den Alltag für jüdische Studierende? Aus ihrer Sicht müsse sichergestellt sein, dass diese ohne Angst und Einschränkungen studieren könnten. Wenn – wie ihr geschildert worden sei – Jüdinnen und Juden an Universitäten massive Eingriffe in ihre Grundrechte erlebten, dann brauche es in Deutschland „mitunter mehr Eingreifen – und im Zweifel auch mehr Durchgreifen“.

Auch Doron Kiesel, Direktor der Jüdischen Akademie beim Zentralrat der Juden in Deutschland, schaltete sich in die Diskussion ein. Er fragte, welche Rolle die jüdischen Institutionen aus Sicht der Ministerin bei der Umsetzung ihrer bildungspolitischen Pläne spielen sollten und wie sie im Rahmen pädagogischer Angebote unterstützend wirken könnten. Prien wandte sich daraufhin direkt an die jüdische Gemeinschaft: Sie wünsche sich, dass sich Jüdinnen und Juden nicht aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen, sondern ihre Positionen deutlich hörbar einbringen. Die Jüdische Akademie sei dafür ein zentrales Forum. Zugleich kritisierte sie eine verbreitete deutsche Haltung, in der viel „über Juden, oft auch über tote Juden, aber zu wenig mit Jüdinnen und Juden selbst“ gesprochen werde. Hier müsse sich die Mehrheitsgesellschaft verändern – und umgekehrt brauche es eine jüdische Community, die selbstbewusst einfordert, einbezogen zu werden.

Eine weitere Wortmeldung kam von Dietrich Dancker vom Freundeskreis Heidelberg–Rehovot. Er sprach die Sorge aus, die AfD könne nach der Landtagswahl 2026 in Sachsen-Anhalt den Ministerpräsidenten stellen, was den Kampf gegen Antisemitismus in Ostdeutschland langfristig schwächen könnte. Prien warnte davor, ein solches Szenario permanent heraufzubeschwören. Entscheidend sei vielmehr, dass sich alle demokratischen Parteien sicht- und spürbar dafür einsetzten, dieses Ergebnis zu verhindern. Sollte die AfD dennoch in Regierungsverantwortung kommen, so Prien, müsse die demokratische Zivilgesellschaft in Sachsen-Anhalt mit allen verfügbaren Mitteln gestärkt werden. Man denke bereits darüber nach, wie entsprechende Förderprogramme und Strukturen ausgestaltet sein könnten. Vorrangig bleibe jedoch das Ziel, durch gemeinsames politisches Handeln genau diesen Ausgang der Wahl zu verhindern.

Auf die letzte Frage, welche Möglichkeiten denn Prien selbst habe, auf Demokratiebildung innerhalb der Lehrpläne einzuwirken, musste die Bundesministerin darauf hinweisen, dass es innerhalb der Länderzuständigkeit liege, diese Pläne auszuarbeiten, sendete jedoch gleich noch eine Botschaft der Zuversicht an uns alle: Gerade junge Menschen hätten noch kein vollständiges Weltbild und seien mehrheitlich eben doch noch erreichbar und genau mit denen lohne es sich, ins Gespräch zu gehen. 

Bundesministerin Prien
  • Datum: 25. Januar 2026
    Datum 25. Januar 2026
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