Hugo Friedmann

 

 

 

 

Stempel Hugo Israel Friedmann

 

 

 

 

 

 

Philo-Lexikon

 

 

 

 

 

 

Hugo Friedmann am Schreibtisch

Hugo Friedmann

© Sammlung Spielmann, Genf

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zeichnung Alfred Bergels von Hans Georg und Liselotte Friedmann, Hugo Friedmann zum Geburtstag am 10. April 1944 in Theresienstadt

© Sammlung Goldschmidt, Hamburg (Foto: Elke Schneider)

 

(1901 Wien – 1945 Landsberg am Lech/Kaufering)

 

Einen ungewöhnlichen Stempel fanden wir als Eigentümernachweis im „Philo-Lexikon. Handbuch des Jüdischen Wissens“, erschienen im Jahr 1937:

 

HUGO ISRAEL FRIEDMANN

Kenn-Ort: Wien

Kenn-Nr.: K 000175

 

Besitzvermerke dienen in erster Linie dazu, ein beispielsweise verliehenes Buch wieder zurückzuerhalten. Daneben dienen sie oft zur Kommunikation mit der Außenwelt. Wie definiert sich der Eigentümer? Was möchte er über sich aussagen? Die einen fügen ihren Beruf als Angabe hinzu, bzw. ihren akademischen Grad, für andere sind Symbole (z.B. ein Davidstern) Ausdruck der eigenen Identität, ihres Berufstandes oder der persönlichen Interessen.

Gerade aufgrund seiner sachlichen Nüchternheit zeugt dieser Stempel von der unheilvollen staatlich vorangetriebenen Entmenschlichung von Individuen – in diesem Fall von Jüdinnen und Juden.

Der Eigentümer des Buches, das dem Leser universelles Wissen vermitteln möchte, wird auf die Angaben reduziert, die ihm die NS-Behörden zum Ausdruck seiner Persönlichkeit zugestanden hatten. Dies sind der Zwangsname Israel, der Ort seines Wohnsitzes sowie die Kenn-Nummer, die der ID eines heutigen Personalausweises entspricht.

Doch die Kenn-Nummer verhalf uns auch dazu, Hugo Friedmann unter mehreren Wiener Personen gleichen Namens im entsprechenden Zeitraum eindeutig zu identifizieren.

Wie viele andere EigentümerInnen der Bücher aus dem Bestand der Bibliothek der HfJS war auch dieser Hugo Friedmann in Theresienstadt inhaftiert. Geboren wurde er 1901 in Wien, wo er 1920 seinen Schulabschluss machte und anschließend Jura und Kunstgeschichte studierte. Nach seiner Heirat mit Hilde, geb. Kubie gründete er die Trikotwarenfabrik „Trifa“. Sein großes Interesse galt aber der Kunst und der Ertrag aus dem Unternehmen ermöglichte es ihm, eine Sammlung aufzubauen, mit einem Schwerpunkt auf japanischem und chinesischem Kunsthandwerk, europäischer Malerei und frühen Druckwerken. Friedmann betätigte sich an der Wiener Jüdischen Volkshochschule als Referent für den Fachbereich Kunst, arbeitete als Kurator am Jüdischen Museum und führte ehrenamtlich Besucher durch das Kunsthistorische Museum. Ebenso engagierte er sich aktiv in der Israelitischen Kultusgemeinde.

1928 und 1932 kamen Hugo und Hildes Kinder Hans Georg und Liselotte zur Welt. Wenige Wochen nach dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich musste auch Familie Friedmann ihr Vermögen offenlegen, um den Behörden den Akt der Enteignung zu erleichtern.  Im Jahr 1939 wurde das Unternehmen arisiert und die Familie ließ die Kunstsammlung, Hausrat und eine umfangreiche Bibliothek nach Triest transportieren. In mehrere Liftvans verpackt, lagerten die Objekte am Hafen und Familie Friedmann plante, diese bei einer baldigen Abreise nach Übersee mitzunehmen. Zur Emigration kam es jedoch nicht und das Hab und Gut wurde von der Gestapo in Italien beschlagnahmt.

Vom 29. April des Jahres 1939 datiert der Eintrag im Wiener Geburtsregister, gemäß dem Hugo Friedmann den zusätzlichen Namen Israel anzunehmen hatte. Zwei Jahre später viel das Vermögen der Familie an den NS-Staat und bald darauf musste sie ihr Haus räumen, um in einer kleineren Wohnung unterzukommen. Am 9. Oktober 1942 brachte Transport 45 (Zug Da 525) Hugo Friedmann, seine Frau Hilde und die Kinder Hans Georg und Liselotte nach Theresienstadt. Nach der Ankunft war es die Transportnummer nach Theresienstadt, die die Insassen künftig identifizieren sollte. (Gemäß H. G. Alder löste erst im Rahmen der sogenannten Stadtverschönerung 1944 die Transportnummer die bisherige Kenn-Nummer ab.)

Hilde Friedmann wurde während der Inhaftierung in der Poststelle beschäftigt, die beiden Kinder wurden im Kinderheim untergebracht und Hugo Friedmann wurde 1943 Bibliothekar in der Ghettozentralbücherei. Seine spätere Mitarbeiterin in der Bibliothek, Käthe Starke-Goldschmidt verdeutlichte später Friedmanns Hang zu Büchern: "...zum Entsetzen seiner Frau hatte er statt Anzügen und Wäsche in zwei Koffern nichts als Bücher [nach Theresienstadt] mitgebracht." Wir können davon ausgehen, dass eines davon das hier besprochene Exemplar war.

Wie viele andere auch, versuchte Friedmann durch kulturelle Veranstaltungen im Rahmen der Abteilung „Freizeitgestaltung“ oder in der „Gruppe Manes“ dem katastrophalen Alltag im Lager ein wenig Ablenkung zu verschaffen.

Aus den erhaltenen Aussagen über Hugo Friedmann geht seine vorbildliche Art und Weise hervor, mit der er die Zentralbücherei erfolgreich und kenntnisreich geleitet hatte. Philipp Manes lobte sein Organisationstalent und seinen kaufmännischen Sinn für die Praxis: „Ein schneller, zupackender Arbeiter. Man hätte ihn sehen sortieren sehen sollen, als eines Tages 30 000 Bände ankamen und in zwei Räumen angehäuft wurden. Da war er in seinem Element und konnte aus dem Wust manche bibliophile Kostbarkeit retten.“ Eine von Friedmann verfasste Beschreibung der Bücherei ist erfreulicherweise erhalten geblieben, sowie eine „Kunstführung durch Theresienstadt“. Wie auch bei dem im Buch aufgefundenen Stempel gibt er in beiden maschinenschriftlichen Dokumenten seine Autorenschaft als Hugo Israel Friedmann an. Die Nennung des Zusatznamens war im Lager nicht üblich und daher kann dies als Bekenntnis interpretiert werden; vermutlich weniger um sich von den „Protektoratsjuden“ abzugrenzen, die von dieser Pflicht ausgenommen waren, sondern eher als Ausdruck einer zionistischen Gesinnung.

Seine Tätigkeit in der Bücherei sowie seine relative Bekanntheit schützten Friedmann in einem gewissen Grad, in die abgehenden Transporte nach Treblinka und Auschwitz eingereiht zu werden. Im Herbst 1944 wurde der Schutz für alle „Privilegierten“ aufgehoben und Friedmann versuchte vergeblich bei Benjamin Murmelstein vorzusprechen, damit dieser sich für eine Rücknahme des Transportbefehls einsetzte.

Am 28. September 1944 bestieg er den Zug nach Auschwitz. In einem Dankesschreiben, das er kurz zuvor Philipp Manes zukommen ließ, vermutete er, Teil des „1. Arbeitertransport[s] in die „Richtung Dresden““ zu sein. Einen Monat später wurde er tatsächlich in ein Arbeitslager weitertransportiert, und zwar nach Landsberg/Kaufering, wo er Anfang 1945 den Tod fand. Liselotte, Hans Georg und Mutter Hilde mussten Hugo einen Monat später nach Auschwitz folgen, und Hans Georg anschließend nach Landsberg/Kaufering. Sie alle überlebten das Kriegsende nicht.

Friedmanns Mitarbeiterin Käthe Starke-Goldschmidt nahm 1946 Kontakt zu Hugos Eltern Joab und Gina auf, die nach Kolumbien auswandern konnten und schilderte ihnen in Briefen die Umstände in Theresienstadt und das damals noch unklare Schicksal der Familie. Noch 1949 suchten die Großeltern aktiv nach ihren Enkelkindern.

Vor seinem Abtransport aus Theresienstadt übergab Friedmann Starke-Goldschmidt diverse Unterlagen, Aquarelle und Zeichnungen, die heute im Altonaer Museum aufbewahrt und als das sog. „Theresienstadt-Konvolut“ bezeichnet werden. Darunter befindet sich auch eine Zeichnung von Liselotte und Hans Georg, die der Maler Alfred Bergel Friedmann zu dessen Geburtstag 1944 schenkte. Vermutlich kreuzten sich ihre Wege bereits in Wien und in Theresienstadt verbrachten beide eine gemeinsame Zeit im Krankenlager aufgrund einer Typhuserkrankung.

Auch von Sohn Hans Georg haben sich persönliche Dinge erhalten. Nachdem ihm der Gang zur Schule durch die Nationalsozialisten 1938 verwehrt worden war, schrieb er mehrere Abenteuerromane. Das Kindermädchen der Familie nahm sie an sich, bevor die Friedmanns Wien in Richtung Theresienstadt verlassen mussten. Der Held der Geschichten heißt Tom Lasker, ein Detektiv im Kampf gegen das Unrecht. Es ist nicht verwunderlich, dass einige der Inhalte die aktuelle Situation des Jungen widerspiegeln.

Im Januar 2021 konnten wir das in unserer Bibliothek als Raubgut identifizierte Buch Hugo Friedmanns Neffen zukommen lassen.

 

Dank

Bei den Recherchen zu Familie Friedmann unterstützten uns insbesondere Frau Mag. Margot Werner MSc von der Österreichischen Nationalbibliothek sowie Mag. Heide Manhartsberger-Zuleger. Gedankt sei auch Frau Mag. Dr. phil. Michaela Raggam-Blesch, den MitarbeiterInnen der Gedenkstätten Dachau, Terezín, Beit Terezin, des Altonaer Museums, der Wiener Holocaust Library und des Österreichischen Staatsarchivs.

 

Ausgewählte Literatur und Quellen

Adler, Hans Günther: Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft, Tübingen 1960.

Barkow, Ben und Klaus Leist: Als ob's ein Leben wär. Tatsachenbericht Theresienstadt 1942-1944, Berlin 2005.

Braun, Karl: Die Bibliothek in Theresienstadt 1942-1945. Zur Rolle einer Leseinstitution in der "Endlösung der Judenfrage", Bohemia 40 (1999), S. 367-386.

Lillie, Sophie: Was einmal war. Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens, Wien 2003.

Makarova, Elena u.a.: University over the Abyss. The Story behind 489 lecturers and 2309 lectures in KZ Theresienstadt 1942-1944, Jerusalem 2000.

Starke-Goldschmidt, Käthe: Der Führer schenkt den Juden eine Stadt, Berlin 1975.

Werner, Margot: "Ex Bibliotheca Hugo Friedmann Vindobonensis" - Eine Spurensuche, in: Geraubte Bücher. Die Österreichische Nationalbibliothek stellt sich Ihrer NS-Vergangenheit, hg. von Murray G. Hall u.a., Wien 2004, S. 149-158.

 

Österreichisches Staatsarchiv, Archiv der Republik:

- Vermögensverkehrsstelle VA 24.646

- Finanzlandesdirektion 45. Transport 852-855

 

Zu Friedmanns Aktivitäten in der "Gruppe Manes":

https://collections.jewishmuseum.cz/index.php/Detail/Object/Show/object_id/153053

https://collections.jewishmuseum.cz/index.php/Detail/Object/Show/object_id/153055

Aktivitäten in der "Freizeitgestaltung":

https://collections.jewishmuseum.cz/index.php/Detail/Object/Show/object_id/138095

Augenzeugenbericht zu Transport 45 von Wien nach Theresienstadt:

Letzte Änderung: 22.04.2021