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Der Roman umfasst acht Geschichten über die Menschen des fiktiven Kibbuz Jikhat. Er beschreibt deren Erfahrungen, Perspektiven und blickt auf die unterschiedlichen Leben der Gemeinschaft.
So lernt man auf Zvi Provisor, den pessimistischen Gärtner, der nur die traurigsten Nachrichten aus der Zeitung verkündet, den Schuster Martin van den Bergh, der den Holocaust überlebt hat und im Kibbuz Esperanto unterrichten möchte, den Schüler Mosche Jaschar, der, getrennt von seinem Bruder, im Kibbuz aufgezogen wird, da seine Mutter gestorben ist und sein Vater schwer krank, und Joav Karni kennen, der während seiner nächtlichen Wachrunde der jungen Frau Nina begegnet, die auf keinen Fall zurück zu ihrem Ehemann möchte.
Alle Beobachtungen sind nüchtern, vorsichtig und feinfühlig verfasst, und doch beschreiben sie grundlegende und existenzielle Gefühle. Amos Oz erklärt auf wunderbare Weise, warum das Leben die Menschen miteinander verwebt.
In diesem Roman versucht die Autorin, ihre eigene Familiengeschichte nachzuvollziehen, indem sie die Orte besuch, an denen ihre Vorfahren lebten und wirkten.
Petrowskaja erzählt in rasendem Tempo, so zieht sich manchmal ein einziger Satz über mehrere Seiten, vom Anfang bis zum Ende eines Kapitels, ohne auch nur einen einzigen Gedanken festzuhalten. Sie verfolgt Erinnerungen, Andeutungen und Erwähnungen bis ins kleinste Detail, manchmal finden auch Bilder, Artikel oder Historiker ihren Weg in ihre Recherche, doch meistens ist die Autorin alleine mit ihren Gedanken, der Ungläubigkeit an das, was passiert und passiert ist. Dabei spielt sie mit Namen, den unterschiedlichsten Sprachen und verschiedensten Schreibweisen, sodass die Grenzen verschwimmen zwischen Realität und Fantasie. Trotzdem versucht sie, die Wirklichkeit einzufangen, zu spüren, und ihren Gefühlen freien Lauf zu geben.
So erfährt man einiges über ihre Familie, Tanten, Urgroßmütter, Schwäger, Schwestern und die Geschehnisse der Geschichte, trotzdem bleiben Distanz und Unwissen, auf beiden Seiten, weil niemand alles wissen kann, oder darf, oder vielleicht auch möchte.
Es ist schön, die Behutsamkeit Petrowskajas zu erfahren, wie vorsichtig und doch konsequent sie versucht, all die Eindrücke zu erfassen. Über ein Wort stolpert man beim Lesen immer wieder; „taubstumm“, es ist der Begriff, mit dem die Autorin ihre Vorfahren und deren Schüler*innen definiert. Er ist in gewisser Weise irreführend, denn sie beschreibt die Schönheit und Vielfalt der Gebärdensprache, welche die Gehörlosen zwar zu tauben, nicht aber stummen Menschen macht.
Katja Petrowskaja ist es in Vielleicht Esther gelungen, die Fragmente und Widersprüchlichkeiten der Geschichte zu erfassen und darzulegen, ohne ein Drama oder Abstumpfung daraus zu erzeugen.
Die Tel Aviverin Liat verbringt ein Auslandssemester in New York, wo sie Bücher ins Hebräische übersetzt. Während der Arbeit trifft sie in einem Café den Palästinenser Chilmi, der bevorzugt den Himmel und das Meer zeichnet. Eigentlich möchte Liat ihn nicht näher kennenlernen, und als Jüdin schon gar keine Beziehung mit ihm beginnen, doch ihre Gefühle kommen ihr zuvor. Die beiden leben eine Liebe auf Zeit, verdeckt im Trubel New Yorks, und immer in Sorge, von Bekannten gesehen zu werden. Mit Liats Rückkehr nach Israel trennen sich die Wege der beiden schmerzlich, denn es ist sicher, dass sich die beiden dort nicht wieder treffen können. Doch die Gefühle dieser skandalösen Liebe werden zu stark; Chlimi reist schließlich illegal nach Israel ein und sucht Liat - am Strand von Jaffa.
Stina Heidemann, Bundesfreiwillige in der Bibliothek
Yentl's Revenge
„Yentl's Revenge“ ist eine herzergreifende Sammlung von Aufsätzen mit den Erfahrungen, Erinnerungen und Überzeugungen von 20 Frauen, mit dem Fokus auf ihrerm jüdischen Erbe und ihrer Erziehung. Dabei handelt es sich um eine bittersüße Hommage an ihre Wurzeln, die zeigt, wie sehr ihre Religion und ihre feministischen Ideale miteinander verwoben und gleichzeitig oft scheinbar unvereinbar sind. „Yentl's Revenge“ lässt einen laut auflachen und Respekt für diese bemerkenswerten Frauen empfinden, die ihre persönlichen Geschichten auf witzige, ehrliche und oft verletzliche Art und Weise teilen und dabei den Eindruck eines ernsthaften Gesprächs mit der älteren Schwester erwecken.
So spricht eine der Autorinnen über ihre Herausforderungen als Rabbinerin, eine andere berichtet darüber, ihre Tochter zu ermutigen, Zizit zu tragen, und wieder eine andere bricht ihr Schweigen über den sexuellen Missbrauch und Inzest, den sie durch ihren durch ihren Großvater, der den Holocaust überlebte, erfuhr. Von alltäglichen Herausforderungen, die Leser nachempfinden können, bis hin zu Notlagen, die sich die meisten von uns (hoffentlich) nur vorstellen können, ist dieses Buch viel mehr als eine „Rache“, es ist ein Aufruf, Tradition, Identität und Religion, wie wir sie kennen, zu hinterfragen.
Annalena Bauer, Bundesfreiwillige in der Bibliothek