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Alfred Levy

(Wingersheim 1880 - Bonn 1934)


Bisher konnten in der Bibliothek der HfJS 18 Bücher identifiziert werden, die diesen gestempelten Besitzvermerk enthalten: 

Rabbiner Dr. Levy 

Bonn a. Rh. Venusbergweg 21

Der günstige Umstand, dass dieser Besitzvermerk auch die Angabe einer Adresse umfasst, lässt an der Zuweisung des Stempels keine Zweifel. Er stammt von dem zuletzt in Bonn tätigen Rabbiner Dr. Alfred Levy.

Levy wurde am 20.02.1880 in Wingersheim im Elsass geboren. Er besuchte das Gymnasium in Straßburg und Colmar. Nach seinem Schulabschluss 1899 schrieb er sich an der Universität Breslau ein und studierte dort Semitische Philologie, Philosophie und Kunstgeschichte. Parallel dazu war Levy Hörer am Jüdisch-Theologischen Seminar Fränkelscher Stiftung in Breslau. 1902 wechselte er nach Heidelberg, um dort sein Studium fortzusetzen. 1902/03 reiste er nach London und widmete sich am British Museum der Untersuchung südarabischer Handschriften. Diese Studien dienten als Grundlage für seine Dissertation „Das Targum zu Kohelet nach südarabischen Handschriften herausgegeben“ (Druck: Breslau 1905), die vom Heidelberger Altorientalisten Carl Bezold betreut wurde. Daran anschließend besuchte Levy weiterhin das Breslauer Rabbinerseminar, in dem er im Jahr 1909 seine Ordination erhielt. Von dort wurde er als Rabbiner nach Nordhausen/Harz berufen, wo er bis 1925 in diesem Amt tätig war. 

1912 heiratete Levy in Berlin Klara Jablonski (Magdeburg 1888 – 1978 Strasbourg). Ihre gemeinsamen Kinder Rita (geb. 1913, gest. 1987 in Israel) und Ernst (geb. 1917, gest. 2013 in Frankreich) wurden beide in Nordhausen geboren. Da Levy ab 1926 das Rabbinat in Bonn übernahm, zog die Familie an den Rhein. Aufgrund vermehrter Repressalien gegenüber jüdischen Kindern trat Levy dafür ein, in Bonn eine jüdische Schule ins Leben zu rufen. Die Gründung der Schule erlebte Levy nicht mehr. Er starb wenige Wochen zuvor am 5. Februar 1934 und wurde auf dem Friedhof Römerstraße bestattet. (Im Bonner Amt folgte ihm Rabbiner Dr. Rudolf Seligsohn.) Der gemeinsame Sohn Ernst floh nach der Machtergreifung nach Frankreich, wo er im Elsass versuchte unterzutauchen und sich später in Limoges dem französischen Militär anschloss. Klara Levy löste nach dem Tod ihres Mannes den Bonner Haushalt der Familie auf und floh zunächst mit ihrer Tochter Rita ebenfalls ins Elsass und von dort nach Limoges, wo sie mit ihrem Sohn den Krieg überlebte. Rita gelang im Jahr 1936 die Auswanderung nach Palästina.  

Der Verbleib der Bibliothek Levys nach seinem Tod konnte bisher nicht gesichert nachgezeichnet werden. Ab frühestens den 1960er Jahren gelangten einige seiner Bücher in den Besitz des Landesrabbiners von Westfalen, Emil Davidovič und nach dessen Tod 1986 als Nachlass an die Heidelberger HfJS. Es ist denkbar, dass Levys Bibliothek 1934 in den Besitz seines Nachfolgers Seligsohn übergegangen ist und später beschlagnahmt wurde. Nach Kriegsende wurden die Bücher an einem noch unbekannten Ort geborgen und möglicherweise an jüdische Gemeinden in Rheinland-Westfalen „restituiert“. Davidovič schließlich hatte aus diesen Beständen offensichtlich Bücher seiner Rabbinatsbibliothek einverleibt. 

Anfang 2026 konnten wir die Bücher an die fünf Enkelkinder von Klara und Alfred Levy in Frankreich und in Israel restituieren. Auf Wunsch der Nachkommen wird auch das Jerusalemer Leo Baeck-Institut einen Teil der Bücher erhalten. 




Dank
Bei den Recherchen zur Familie von Alfred Levy und seinen Nachkommen unterstützten uns die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gedenkstätte und des NS-Dokumentationszentrums Bonn, der USC Shoa Foundation, des Universitätsarchivs Heidelberg und des Magen David Adom Israel. Weiterhin bedanken wir uns für die hilfreichen Auskünfte von Prof. Francine Kaufmann und Pierre Goetschel, sowie den sehr erhellenden und freundlichen Austausch mit Alfred Levys Enkelkindern.



Ausgewählte Quellen

GND Alfred Levy: https://d-nb.info/gnd/114724863X

Max Wollsteiner: Genealogische Übersicht über einige Zweige der Nachkommenschaft des Rabbi Meir Katzenellenbogen von Padua, Berlin 1930. Darin auch Nennung von Klara (Claire) Jablonski, Alfred Levy und den beiden Kindern: https://portal.dnb.de/bookviewer/view/1246053802#page/39/mode/1up 

Michael Brocke, Julius Carlebach (Hgg.): Biographisches Handbuch der Rabbiner, Teil 2, München 2009, S. 380f.

Bücherschenkung durch Alfred Levy an das Jüdisch-Theologische Seminar Breslau: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2725150 (es handelte sich dabei um eine Miniaturausgabe des Traktats Sukka, gedruckt in Offenbach im Jahr 1722)

Erwähnung der Ordination im Jahresbericht des Breslauer Seminars: https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/2725499 

Promotionsakte: Universitätsarchiv Heidelberg, Akten der Philosophischen Fakultät 1902/03 III, Dekan Karl Rathgen, III, 5a, Nr. 147 c

Heiratsurkunde: Ancestry; diverse genealogische Datensätze in MyHeritage und Geni

Ernst Levy diente André Schwarz-Bart als quasi Vorlage für die Figur des Ernie in seinem Roman Der Letzte der Gerechten / Le Dernier des Justes (1959), vgl. die Untersuchungen dazu von Prof. Francine Kaufmann: https://journals.openedition.org/coma/8007?lang=en

Birgit Bergmann u.a.: Transcending Tradition. Jewish Mathematicians in German-Speaking Academic Culture, Frankfurt am Main 2012, S. 105 (Alfred Levys Engagement bei der Errichtung einer jüdischen Schule in Bonn)

Digitalisat eines Exemplars von Alfred Levys Dissertation: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/levy1905 (enthält keinen Lebenslauf)

Levys Einbindung bei der Unterstützung jüdischer Studierender (enthält eigenhändige Unterschrift Levys sowie einen Adresstempel (Bonn, Kapuzinerstraße 11)), Center for Jewish History, Records oft the Farband fun di Yidishe Studentn Fareynen in Daytshland; Student financial aid – Bonn (Box 4, Folder 152, RG 18), Scan 32-34, https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE3605206

Todesanzeige Levys im Israelitischen Familienblatt vom 22.02.1934, S. 8, https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/pageview/11324302 

Nachruf in La Tribune juive. Organe indépendant du judaïsme de l'Est de la France (Strasbourg) vom 9. März 1934: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k6238363j/f12


Link zum Datensatz von Alfred Levy in LCA: https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/entities/11127 (dort auch Auflistung der Bände)



Liste der von der HfJS restituierten Bände aus dem Besitz von Dr. Alfred Levy:

(Interessanterweise erhielten Buch 1 und Buch 17 aus dieser Liste beim Katalogisieren im Jahr 1988 die fortlaufenden Inventarnummern D88/2422 und D88/2423. Dies legt nahe, dass die Bücher im Nachlass Davidovič beisammen lagen, als die Bücherkisten die HfJS erreicht hatten. Somit scheint es auch plausibel, dass Davidovič die Bücher nebeneinander im Regal stehen hatte. Diese gemeinsame Aufstellung war möglicherweise weniger thematisch veranlasst, als durch die Tatsache, dass beide Bücher von Dr. Levy stammten.)


1. Johannes Dominicus: Lessings Stellung zum Judenthum, Dresden 1893, https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/257156

2. Arnold Merzbach: Psychologie der hebräischen Personalsymbole (Sonderabdruck aus: "Festschrift für Jacob Rosenheim"), Frankfurt am Main 1931, https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/266347

3. Chaim Müntz: Wir Juden, Berlin 1907,  https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/268884

(Der Mathematiker Chaim Müntz war vor dem Ersten Weltkrieg Lehrer an der Odenwaldschule bei Heppenheim – auch ein Verwandter von Alfred Levys Frau Klara war Lehrer an dieser Schule, allerdings erst in den 1950er Jahren: Ernest Jouhy (Ernst Leopold Jablonski) Es ist bisher unklar, ob hier ein Zusammenhang besteht.)

4. D. C. Siegfried: Handkommentar zum Alten Testament. Prediger und Hoheslied, Göttingen 1898, https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/252407

5. Heinemann Stern: Psychologie des Religionsunterrichts mit besonderer Berücksichtigung des jüdischen, Berlin 1924, https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/254113

6. Arthur Liebermann: Zur jüdischen Moral. Das Verhalten von Juden gegenüber Nichtjuden nach dem jüdischen Religionsgesetze, Berlin ca. 1920, https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/318156

7. Hans Heinrich Schaeder: Esra der Schreiber, Tübingen 1930, https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/318157

8. Benno Jacob: Auge um Auge. Eine Untersuchung zum Alten und Neuen Testament, Berlin 1929, https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/318158

9. Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum, Berlin 1909, https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/318171

10. Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum, Berlin 1910, https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/318176

11. Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur, Berlin 1925, https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/318172

12. Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur, Berlin 1927, https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/318173

13. Allgemeine Zeitung des Judenthums, Leipzig 1838, https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/318180

14. Allgemeine Zeitung des Judenthums, Leipzig 1842, https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/318179

15. Allgemeine Zeitung des Judenthums, Leipzig 1843, https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/318177

16. Allgemeine Zeitung des Judenthums, Leipzig 1845, https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/318178

17. Hermann Vogelstein: Um Wahrheit Recht und Frieden, Berlin 1924, https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/318199

18. Allgemeine Zeitung des Judenthums, Leipzig 1839, https://db.lootedculturalassets.de/index.php/Detail/objects/321473 



(Text: Ph. Zschommler)