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Auslegung des Monats Tishri

Da rief ihm der Engel des Ewigen vom Himmel her zu und sprach: Avraham, Avraham! Und er sagte: Hier bin ich!

„Wo ist das Lamm zum Opfer?“ fragt Isaak schon auf dem Wege, und war daher wohl schon gewöhnt, in seinem Vater keinen Kannibalen zu sehen, der seinem Bizzipuzli einen Menschen schlachtet, und unendlich klar und nicht wegzudeuten stehen ja die Worte:

עתה ידעתי כי ירא אלקים אתה ולא חשכת את בנך את יחידך ממני. Also nur darin erkennt Gott die Größe Abraham’s, daß er ihm selbst seinen einzigen Sohn zu opfern bereit gewesen, nicht aber darin, daß er dies noch zur rechten Zeit unterlassen! Und eben darauf, auf die „Akedah Jizchak’s“, blickt die ganze jüdische Judenheit bis heute, als auf das Höheziel mustergiltiger Gottesfurcht begeistert hin.

Samson Raphael Hirsch zu Gen 22:11 (1867)

Der Lehrstuhl Bibel und Jüdische Bibelauslegung ist der einzige seiner Art in Deutschland, der sich in Lehre und Forschung mit Text, Überlieferung, exegetischer Rezeption und moderner Deutung der Hebräischen Bibel von der Antike bis in die Neuzeit beschäftigt. Dabei umfasst allein das Forschungsgebiet für die biblische Geschichte und Literatur einen historischen Rahmen von mehr als 1000 Jahren. Nimmt man noch die Quellen zur jüdischen Bibelauslegung in Mittelalter und Neuzeit sowie die Masora als Bindeglied zwischen dem (masoretischen) Bibeltext und seiner Auslegung hinzu, so umfasst dieses Fach idealtypisch mehr als 2500 Jahre, die in literarspezifischen Detailfragen ebenso wie in zunehmend fächerübergreifenden Fragestellungen und Forschungsansätzen überblickt sein wollen. Mit Ausnahme einiger Quellen zur jüdischen Bibelauslegung im 19. und 20. Jahrhundert sind alle entscheidenden Quellen auf Hebräisch und Aramäisch verfasst.

Am Heidelberger Lehrstuhl liegen die Schwerpunkte zum einen auf der masoretischen Bibeltext- und Manuskriptforschung (9.–13. Jahrhundert), zum anderem auf den Quellen zur jüdischen Bibelauslegung von der ersten Hälfte des 10. bis zur 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts sowie auf dem 19. und 20. Jahrhundert.

Bücher: Tanach, Liss

Forschungsschwerpunkte

Erst die sog. Masora aus Eretz Israel, d.h. der masoretische Hypertext mit Vokalisation, Akzentsetzung und Beifügung verschiedener Annotationen lässt den antiken Konsonantentext (Qumran) zum mittelalterlichen masoretischen Text werden. Ziel der Forschungen am Lehrstuhl ist die erstmalige Aufarbeitung der westeuropäischen (ashkenasischen) Masora-Tradition zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert, die sich von der orientalischen Masora philologisch und in ihrem äußeren Erscheinungsbild als masora figurata unterscheidet. Dabei geht es auch um den Inkulturationsprozess der Masora und des Hebräischen Bibeltextes in die christliche Umwelt (Architektur; Buchkunst) hinein.

Am Heidelberger Lehrstuhl steht insbesondere die Auslegungstradition der mittelalterlichen nordfranzösischen Exegetenschule im Fokus, d.h. die exegetischen Kommentare von R. Shelomo Yitzchaqi (RaShY) und seiner Schule, R. Avraham Ibn Ezra, die Mitglieder der Familie Qimchi sowie R. Moshe ben Nachman (‘RaMBaN = Nachmanides’). Daneben werden die überlieferten hebräisch-französischen Bibelglossare v.a. aus dem 13. Jahrhundert bearbeitet. Diese Bibelglossare, die die Vernakularglossen in hebräischer Graphie abbilden, sind exzeptionelle Zeugen nicht nur für die exegetische und kulturgeschichtliche judaistische Forschung, sondern auch für die morphologische, phonologische und lexikalische Erforschung des Altfranzösischen zwisachen dem 11. und 13. Jahrhundert. Sie bilden darin Grundlagentexte für die Erforschung der Wechselbeziehungen zwischen der jüdischen Geistesgeschichte und der nicht-jüdischen Umwelt.

Die Bibelauslegung der Vertreter der sog. Wissenschaft des Judentums in Deutschland und Osteuropa wird vor allem hinsichtlich ihres Einflusses auf das moderne Judentum und sein Verständnis von Religion und Kultur hin erforscht.

Lehrveranstaltungen

Die Lehrveranstaltungen werden regelmäßig an die Forschungsschwerpunkte zurückgebunden.

Dabei wird die ganze Bandbreite des Faches – von den biblischen Überlieferungen bis in die neueste Auslegungsliteratur – abgedeckt und in den Bachelor- und Masterstudiengängen im Unterricht behandelt.

In Zusammenarbeit mit dem Abraham Berliner Center werden regelmäßig workshops und Vorträge mit internationalen Gastwissenschaftlern durchgeführt.

Lehre

Sommersemester 2026

  • Grundkurs: Mechina: Einführung in die Hebräische Bibel

Leitung: Prof. Dr. Hanna Liss

Mittwoch, 9.15–10.45 Uhr, S 1

  • Kolloquium: Doktorand*innen-/Post-Doc-Kolloquium Bibel und Jüdische Bibelauslegung

Leitung: Prof. Dr. Hanna Liss 

Mittwoch, 11.15–12.45; S 1

  •  Oberseminar / Übung: Biblische Texte im Fokus moderner und klassischer Auslegungen

Leitung: Prof. Dr. Hanna Liss

Donnerstag, 9.15–10.45 Uhr, S 1

  • Hauptseminar / Übung: Die Hebräische Bibel in der modernen deutschen Literatur

Leitung: Prof. Dr. Hanna Liss / Prof. Dr. Andrea Albrecht (Germanistisches Seminar)

Donnerstag, 11.15–12.45 Uhr, S 4


Forschungsprojekte im Überblick

Masorah Rearranged: Eight Masoretic Lists in MS London Oriental 2091, fol. 335vcorpus masoreticum working papers 6 (2023).

Corpus Masoreticum

Paris Arsenal 5956
Berlin_SPK_Fragment_zum_Hohelied_Public_Domain_1.0

Biblia Rabbinica


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Was Bücher über die Vergangenheit ihrer Besitzer erzählen

Aktuelles Pressespiegel Presse

Provenienzforschung ist ein bisschen wie Detektivarbeit. Und die Erfolgserlebnisse bei der Suche nach der Herkunft machen den Beteiligten richtig Freude. Das ist deutlich zu spüren beim ersten „Lost Books Lab“ in der Hochschule für Jüdische Studien (HfJS) in Heidelberg. Ein Koffer voll alter Bücher steht dort bereit. Sie warten darauf, dass man ihre Herkunft feststellt und sie womöglich den Nachkommen ihrer einstigen Besitzer zurückgeben kann.

Die Bücher im Koffer stammen von jüdischen Bürgern, die sie in ihrem wenigen Hab und Gut mitnahmen, als sie von den Nationalsozialisten in Arbeits- und Vernichtungslager gebracht wurden. Oder sie waren Teil der Bibliotheken in jüdischen Einrichtungen und Hochschulen. Auch diese wurden im „Dritten Reich“ systematisch ausgeraubt, weil man sie für antisemitische Studien verwenden wollte oder als Belege für die Nazi-Ideologie brauchte, wie Kinga Bloch beim „Lost Books Lab“ vortrug. Die deutsche Historikerin an der Queen Mary University of London leitete zusammen mit Philipp Zschommler, dem Provenienz-Forscher an der HfJS, die neuen Workshops. Diese werden von der Baden-Württemberg Stiftung genauso wie von den Leo-Baeck-Instituten – sie bewahren jüdische Dokumente, Bücher, Erinnerungsstücke – gefördert. Die Workshops sollen historische Bildung mit aktiver Recherche verbinden.

Ein Vorgänger war vor zwei Jahren die Ausstellung „Library of Lost Books“, die von den Leo-Baeck-Instituten Jerusalem und London getragen wurde. Sie zeigte auch in Heidelberg Bücher aus der einstigen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, die heute weltweit verstreut sind. Die Website der Library wurde damals mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnet.

Die Idee, dass man Spuren der NS-Verfolgung auch im Bücherregal finden kann, kann nun aus der Wissenschaft heraus in die Bevölkerung getragen werden. Bis zum Tag der Provenienzforschung im April sollen beispielsweise Unternehmen und Berufsschüler für das Thema interessiert werden. Unternehmen? Kinga Bloch erinnert an vergessene Verflechtungen in Baden-Württemberg: Der Schuhhersteller Salamander begann als deutsch-jüdisches Unternehmen. Die AEG der Familie von Walther Rathenau legte einst die erste Fernstromleitung von Lauffen am Neckar nach Frankfurt. Auch Südzucker mit seinen jüdischen Anteilseignern, Vorständen und Aufsichtsräten gehört dazu. „Die jüdischen Unternehmer waren so verwoben mit tollen Sachen, die uns bis heute begleiten.“

Aber wie lässt sich die Geschichte der Bücher lesen? Die Werke aus Philipp Zschommlers Koffer tragen forensische Spuren, die die Suche erleichtern können: Stempel, Aufkleber, persönlich gestaltete Exlibris, Widmungen. Im Band „Die Geburt des Antichristen“ etwa, einem Thriller, der laut einem Exlibri einst Martha Gubat gehörte, tauchen gepresste vierblättrige Kleeblätter auf. Das Buch „Gesichte“, das die Dichterin und Zeichnerin Else Lasker-Schüler auf dem Titelblatt Fred Hildenbrand, dem Feuilletonchef des Berliner Tageblattes, widmete, fand sich im Bücherbestand des Konzentrationslagers Theresienstadt. „Das Buch hat mir ein bisschen den Atem geraubt“, sagt Kinga Bloch.

Radha Banhatti wird beim Workshop fündig. Das Buch „Möppi – Memoiren eines Hundes“ von Adolf Uzarski gehörte einst einer Hilde Schneider. Aus verschiedenen digitalen Archiven schält sich eine Besitzerin heraus, die als Christin jüdischer Herkunft 1942 in Wien verhaftet und nach Theresienstadt gebracht wurde. Die Gedenkstätte Yad Vashem kennt ihre Häftlingsnummer: 758. Eine gleichnamige Frau wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Hier muss noch weiter recherchiert werden, wenn man Nachkommen finden will, die sich über das alte Buch als Erinnerung an ihre Verwandte freuen. Vielleicht gibt es irgendwo einen Schriftabgleich zur Signatur? Philipp Zschommler kennt die einschlägigen Internetseiten der Ahnenforschung: Ancestry, FamilySearch, MyHeritage … Radha Banhatti findet, dass man sich schon Mühe geben müsse, eine Person zu entdecken, „deren Leben brutal durchgeschnitten wurde“.

Hanna Zabolotna, Grafik-Designerin und jetzt Studentin der Populärkulturen in Heidelberg, findet es faszinierend, solche alten Zeugnisse eines Lebens in der Hand zu halten: „Das ist irgendwie schon Krimiarbeit.“ Ganz anders als ein E-Book, meint sie, „man kann es riechen, es hat Charme.“ Sie hat in ihrem Buch für Männer „Was ziehe ich an?“ von Autor Paul-Julius verschiedene Hinweise zusammengetragen, die Verlagsangabe, die von einem zweiten Verlagshinweis überklebt worden war, oder ein Umschlag, der aus einer Prager Monatszeitschrift vom Oktober 1939 gefaltet wurde und eine böhmisch-mährische Briefmarke trägt. Das Projekt gefällt der Studentin; sie steigt jetzt als HiWi ein.

Kinga Bloch greift weiter in die Kiste. „Barfüßele“ von Berthod Auerbach ist dabei, das laut Widmung im Konfirmationsjahr 1916/17 verschenkt wurde. Der Autor war mit seinen Geschichten aus dem Schwarzwälder Dorfleben damals ein Bestsellerautor. Oder das Gedenkbuch zum 125. Bestehen des Oberrats der Israeliten Badens von 1934 mit Aufsätzen zur Emanzipation der Juden in Baden oder einer Abhandlung über die jüdischen Volksschulen in Baden.

Welches Werk ging welchen Weg? Da derzeit viele Daten digitalisiert werden, wird die Recherche einfacher. „Wir haben viel mehr Chancen, Eigentümer ausfindig zu machen und haben schon einige Rückgaben durchgeführt“, sagt Philipp Zschommler. Im November soll der nächste Workshop stattfinden.

Der Artikel ist auch online zugänglich>

Man sieht ein Stück vergilbtes Papier mit zwei unterschriften darauf. Oben steh Franziska Samuel und darunter 1908. Dann mit etwas Abstand dazwischen weiter unten steht Anneliese Beermann und daraunter 1927
  • Datum: 29. September 2026
    Datum 29. September 2026
  • Uhrzeit: 
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    Uhrzeit 10:05 UTC+02:00
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