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Auslegung des Monats Nisan

Ein Mensch, wenn er von Euch ein Opfer nahebringen will: קרבן. Es ist in hohem Grade zu bedauern, daß es kein deutsches Wort gibt, durch welches der im Ausdruck קרבן liegende Begriff ungetrübt wiedergegeben werden kann. Unglücklicher Weise hat sich mit dem Worte „Opfer“; das doch seinem Ursprunge von dem lateinischen offero nach nur „Darbringung“ bedeutet, die Vorstellung zerstörender, vernichtender Einbuße verknüpft, die dem Wesen und Begriffe des hebräischen קרבן völlig fremd, ja konträr entgegengesetzt ist. Selbst die ursprüngliche im Opfer liegende Bedeutung: Darbietung, Darbringung, ist dem קרבן nicht ganz adäquat. Der Begriff: darbieten, darbringen, setzt einen Wunsch, ein Verlangen, ein Bedürfnis nach dem Dargebrachten bei demjenigen, dem es dargebracht wird, voraus, das durch die Darbringung seine Befriedigung finden soll. Es ist nicht von der Vorstellung: Gabe, Geschenk, zu trennen. Von allem diesen ist jedoch der Begriff: קרבן fern. Es heißt nie: Geschenk, Gabe, kommt überhaupt nur in Beziehung vom Menschen zu Gott vor und lässt sich ja nur aus der der Wurzel קרב innewohnenden Bedeutung begreifen. קרב heißt ja: nahen, näher kommen, also: in innigere Beziehung zu jemandem gelangen. Damit ist aber sofort dem Begriff הקרבה die positivste Gewinnung eines vielmehr erhöhten Daseins als Ziel und Wirkung vindiziert und damit ebensowohl jede entgegengesetzte Vorstellung einer Zerstörung, Vernichtung, Einbuße, abgewiesen, als damit gleichzeitig nicht ein Bedürfnis dessen, dem ein קרבן „naht“, sondern das Bedürfnis des מקריב als dasjenige bezeichnet ist, das im קרבן seine Befriedigung zu finden hat. Der מקריב wünscht, daß Etwas von ihm in nähere, in nahe Beziehung zu Gott treten soll, das ist sein קרבן, und die Handlung, durch die es in diese größere Gottesnähe gelangen soll, heißt הקרבה.

Samson Raphael Hirsch (1808–1888), Der Pentateuch. Übersetzt und erklärt. Dritter Teil: Leviticus, 1873, aus dem Kommentar zu Lev 1,2

Der Lehrstuhl Bibel und Jüdische Bibelauslegung ist der einzige seiner Art in Deutschland, der sich in Lehre und Forschung mit Text, Überlieferung, exegetischer Rezeption und moderner Deutung der Hebräischen Bibel von der Antike bis in die Neuzeit beschäftigt. Dabei umfasst allein das Forschungsgebiet für die biblische Geschichte und Literatur einen historischen Rahmen von mehr als 1000 Jahren. Nimmt man noch die Quellen zur jüdischen Bibelauslegung in Mittelalter und Neuzeit sowie die Masora als Bindeglied zwischen dem (masoretischen) Bibeltext und seiner Auslegung hinzu, so umfasst dieses Fach idealtypisch mehr als 2500 Jahre, die in literarspezifischen Detailfragen ebenso wie in zunehmend fächerübergreifenden Fragestellungen und Forschungsansätzen überblickt sein wollen. Mit Ausnahme einiger Quellen zur jüdischen Bibelauslegung im 19. und 20. Jahrhundert sind alle entscheidenden Quellen auf Hebräisch und Aramäisch verfasst.

Am Heidelberger Lehrstuhl liegen die Schwerpunkte zum einen auf der masoretischen Bibeltext- und Manuskriptforschung (9.–13. Jahrhundert), zum anderem auf den Quellen zur jüdischen Bibelauslegung von der ersten Hälfte des 10. bis zur 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts sowie auf dem 19. und 20. Jahrhundert.

Bücher: Tanach, Liss

Forschungsschwerpunkte

Erst die sog. Masora aus Eretz Israel, d.h. der masoretische Hypertext mit Vokalisation, Akzentsetzung und Beifügung verschiedener Annotationen lässt den antiken Konsonantentext (Qumran) zum mittelalterlichen masoretischen Text werden. Ziel der Forschungen am Lehrstuhl ist die erstmalige Aufarbeitung der westeuropäischen (ashkenasischen) Masora-Tradition zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert, die sich von der orientalischen Masora philologisch und in ihrem äußeren Erscheinungsbild als masora figurata unterscheidet. Dabei geht es auch um den Inkulturationsprozess der Masora und des Hebräischen Bibeltextes in die christliche Umwelt (Architektur; Buchkunst) hinein.

Am Heidelberger Lehrstuhl steht insbesondere die Auslegungstradition der mittelalterlichen nordfranzösischen Exegetenschule im Fokus, d.h. die exegetischen Kommentare von R. Shelomo Yitzchaqi (RaShY) und seiner Schule, R. Avraham Ibn Ezra, die Mitglieder der Familie Qimchi sowie R. Moshe ben Nachman (‘RaMBaN = Nachmanides’). Daneben werden die überlieferten hebräisch-französischen Bibelglossare v.a. aus dem 13. Jahrhundert bearbeitet. Diese Bibelglossare, die die Vernakularglossen in hebräischer Graphie abbilden, sind exzeptionelle Zeugen nicht nur für die exegetische und kulturgeschichtliche judaistische Forschung, sondern auch für die morphologische, phonologische und lexikalische Erforschung des Altfranzösischen zwisachen dem 11. und 13. Jahrhundert. Sie bilden darin Grundlagentexte für die Erforschung der Wechselbeziehungen zwischen der jüdischen Geistesgeschichte und der nicht-jüdischen Umwelt.

Die Bibelauslegung der Vertreter der sog. Wissenschaft des Judentums in Deutschland und Osteuropa wird vor allem hinsichtlich ihres Einflusses auf das moderne Judentum und sein Verständnis von Religion und Kultur hin erforscht.

Lehrveranstaltungen

Die Lehrveranstaltungen werden regelmäßig an die Forschungsschwerpunkte zurückgebunden.

Dabei wird die ganze Bandbreite des Faches – von den biblischen Überlieferungen bis in die neueste Auslegungsliteratur – abgedeckt und in den Bachelor- und Masterstudiengängen im Unterricht behandelt.

In Zusammenarbeit mit dem Abraham Berliner Center werden regelmäßig workshops und Vorträge mit internationalen Gastwissenschaftlern durchgeführt.

Lehre

Wintersemester 2025/2026

  • Hauptseminar / Übung: Der Tempel: Heiliger Ort, Fiktion, Utopie

Leitung: Prof. Dr. Hanna Liss

Mittwoch, 9.15–10.45 Uhr, S 3

  • Proseminar / Übung: Yaaqov und Esaw – feindliche Antagonisten?!

Leitung: Prof. Dr. Hanna Liss

Mittwoch, 11.15–12.45 Uhr, S 3

  •  Oberseminar / Übung: Die Bedeutung der Masora im mittelalterlichen Ashkenas

Leitung: Prof. Dr. Hanna Liss

Donnerstag, 09.15–10.45 Uhr, S 3


Forschungsprojekte im Überblick

Masorah Rearranged: Eight Masoretic Lists in MS London Oriental 2091, fol. 335vcorpus masoreticum working papers 6 (2023).

Corpus Masoreticum

Paris Arsenal 5956
Berlin_SPK_Fragment_zum_Hohelied_Public_Domain_1.0

Biblia Rabbinica


Veranstaltungen

Aktuell

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Vergangene Veranstaltungen

Festkolloquium zu Ehren von Prof. Dr. Johannes Heil

Aktuelles Besondere Termine

Am 19. März 2026 fand an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg (HfJS) ein Festkolloquium zu Ehren von Prof. Dr. Johannes Heil statt. Der Rektor Dr. Andreas Brämer hielt seine Laudatio vor über 50 geladenen Gästen, die seine beeindruckende Karriere würdigt – von der Biografie über wissenschaftliche Höhepunkte bis hin zu seiner Rektorenzeit und darüber hinaus.

Prof. Johannes Heil wurde 1961 in Frankfurt am Main geboren, einer Stadt mit reichem jüdischem Erbe. Nach Abitur, Zivildienst und Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie, Mittleren und Neueren Geschichte sowie Judaistik (u. a. in Tel Aviv und Haifa) promovierte er 1994 bei Johannes Fried. Er arbeitete am Jüdischen Museum Frankfurt, war wissenschaftlicher Assistent am Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin und habilitierte sich 2003 an der TU Berlin. Seit 2005 hält er den Ignatz-Bubis-Lehrstuhl an der HfJS, und wurde 2012 von der Universität Heidelberg kooptiert.

Heils Forschung fokussiert die Geschichte des europäischen Judentums und Antisemitismus. Seine Dissertation (1998) analysiert Pauluskommentare des 9. Jahrhunderts und deren antijüdische Konstruktionen. Die Habilitation „Gottesfeinde – Menschenfeinde“ (2006) deckt die Entstehung des Juden-Verschwörungsstereotyps (13.–16. Jh.) auf. Kürzlich erschien „Andere Juden“ (2024), das ein „vorrabbinisches“ Judentum im westlichen Mittelmeerraum beleuchtet und jüdisch-christliche Verflechtungen aufzeigt. Aktuell leitet er ein DFG-Projekt zum jüdischen Welterbe mit Thomas Schmitt.

Von 2008–2013 war Heil Erster Prorektor, ab 2013 Rektor der HfJS bis 2019 (mit Übergabe bis 2020). Er steuerte Neubau, Bologna-Reform, Akkreditierungen und neue Studiengänge; parallel dozierte er weiter. In Debatten wie Goldhagen oder Beschneidungsurteil positionierte er sich gesellschaftlich relevant. Als „Mensch“ (im jiddischen Sinne) betreut er Studierende engagiert und unterstützt Kollegen diskret.

Heil bleibt aktiv: Ein neuer Forschungsantrag liegt zur Begutachtung vor, kürzlich sprach er beim Eugen-Täubler-Abend. Der Rektor dankt für seine Prägung der HfJS und freut sich auf weitere Zusammenarbeit. עד מאה ועשרים – zum 65. Geburtstag! 🎉

Festkolloquium für Johannes Heil
  • Datum: 24. März 2026
    Datum 24. März 2026
  • Uhrzeit: 
	13:33
	UTC+01:00
    Uhrzeit 13:33 UTC+01:00
  • Teilnahme:
    Teilnahme
  • Sprache:
    Sprache
  • Ansprechperson:
    Ansprechperson
  • Ort / Link:
    Ort / Link
  • Anmeldung erforderlich? Ohne Anmeldung

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Portrait of Professor Abraham Berliner (1833-1914)

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