Jüdische Religionslehre, -pädagogik und -didaktik

Lehrstuhlinhaber:

Prof. Dr. Dr. h.c. Daniel Krochmalnik

Mitarbeitende am Lehrstuhl:

Eichelsdörfer, Marion, M.A.

  

EINE NEUE WISSENSCHAFT MIT URALTEN WURZELN. Das neue Fach Jüdische Religionspädagogik bewegt sich nicht im luftleeren Raum. Es findet in Deutschland eine flächendeckende, wissenschaftlich und publizistisch rege allgemeine Religionspädagogik und –didaktik vor. Es blickt aber auch auf eine uralte „Lern“-Tradition zurück. Es ist sicher kein Zufall, dass sämtliche Quellen des Judentums den Lehr- und Lernbegriff im Titel führen: Tora, Talmud, Mischna, Gemara, Mischne Tora, Mischna Brura. „Lernen“ wiegt nach einem Wort der Weisen alle anderen Pflichten auf (Talmud Tora KeNeged Kulam, mPea 1,1.

Nach einem Vers aus dem Buch Josua (1,8), der zum Motto unserer Hochschule geworden ist, soll man Tag und Nacht „lernen“ ( והגית בו יומם ולילה D. Krochmalnik, "Du sollst darüber nachsinnen Tag und Nacht". Glauben und Lernen in der jüdischen Tradition). Für die jüdische Religionspädagogik ergibt sich aus dieser einzigartigen Hochschätzung des „Lernens“ in der jüdischen Tradition die Möglichkeit und Aufgabe, ihre Grundbegriffe aus den jüdischen Quellen zu entwickeln und so einen eigenen Stand in der gegenwärtigen Religionspädagogik zu behaupten. Natürlich stehen wir auch im jüdischen Kontext nicht alleine da. Wir verfolgen regelmäßig den Stand der Religionslehrerausbildung für den jüdischen Religionsunterricht an jüdischen Ganztagsschulen in den Vereinigten Staaten oder an den „Ganzlebensschulen“ in Israel. Aber unsere Ausbildung bleibt auf die besonderen Bedingungen der deutschjüdischen Gemeinden zugeschnitten mit ihren ganz spezifischen religiösen Möglichkeiten, Schwierigkeiten und Bedürfnissen.

 

FORSCHUNGSSCHWERPUNKT MODERNE. Das traditionelle jüdische Erziehungs- und Bildungswesen hat an der Schwelle zur Moderne gerade in Deutschland schwere Anpassungskrisen durchgemacht und neue Formen gesucht. Am Lehrstuhl für Jüdische Religionspädagogik gibt es einen besonderen Forschungsschwerpunkt im Bereich der jüdischen Aufklärung in Deutschland (Haskala). Aus dieser „Sattelzeit“ stammen die meisten modernen jüdischen Bildungs- und Erziehungskonzepte, Schul- und Unterrichtsmodelle, Lehrer- und Schülerideale. Insofern ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser Zeit immer auch eine Beschäftigung mit der eigenen Gegenwart und Zukunft (→ DFG-Forschungsprojekt).

Der Modernisierungsprozess verlief alles andere harmonisch. Gerade Lern- und Schulfragen waren häufig Anlass zu ideologischen Streitigkeiten und institutionellen Spaltungen, und so haben alle Richtungen des Judentums eigene Bildungskonzepte, Lehrer- und Rabbinerausbildungsstätten, Schulen- und Erziehungseinrichtungen hervorgebracht. Hier bietet sich ein reichhaltiges Material zur wissenschaftlichen Analyse und programmatischen Auswertung an. Dieser Forschungsschwerpunkt verbindet uns mit ähnlich gelagerten judaistischen Forschungsschwerpunkten in DuisburgIcon External Link und HamburgIcon External Link.

 

LEHRENLERNEN. So wichtig die wissenschaftliche Fachbildung für das Studium ist, so wichtig ist das didaktische Training für den zukünftigen Lehrer. Der Lehramtskandidat erwirbt in den anderen Fächern der Hochschule ein breites judaistisches Wissen. In der jüdischen Religionsdidaktik muss er lernen, dieses Wissen im religiösen Kontext zu lehren. Denn im Religionsunterricht geht es vor allem um Religion! Die im Studium erworbenen Kenntnisse in Althebräisch und Iwrit, Bibel und Talmud, in alter und neuer Geschichte des jüdischen Volkes, in israelischer Geographie und Politik usw. sind für den Religionslehrer zwar unerlässliche Voraussetzungen, im Religionsunterricht sind sie aber nur Mittel für den religiösen Zweck. Die Religionsschüler lernen, um einige Beispiele zu nennen, nicht Hebräisch als Fremdsprache, sondern als heilige Sprache. Sie lernen die jüdische Geschichte nicht wie die profane ägyptische, die assyrische, die babylonische oder die römische Geschichte, sondern als heilige Geschichte.

Ein Schlüsselbegriff der allgemeinen und jüdischen Religionspädagogik und -didaktik ist: „Korrelation von Lernen und Leben“, jüdisch gesprochen: תורה עם דרך ארץ. Der Kandidat lernt in der Jüdischen Religionslehre und -philosophiedie alten Quellen im Präsenz zu konjugieren. Es kommt im Religionsunterricht nicht darauf an, wie es zur Zeit Ramses II., Sargon II., Nebukadnezzars oder Vespasians wirklich gewesen ist, sondern wie die katastrophalen Geschehnisse von damals im religiösen Gedenken verarbeitet und was sie für das religiöse Bewusstsein der Juden bis heute bedeuten.

Einen spezifisch jüdischen Stempel bekommen die disparaten Stoffe, die häufig die Lehrpläne des Religionsunterrichts verstopfen, erst durch ihre rabbinische Bearbeitung, die an der Hochschule vor allem in den Kernfächern Jüdische Bibelauslegung und Rabbinische Literatur behandelt werden. Der jüdischen Religionsdidaktik geht es dann um die schulstufen- und altersgerechte Vermittlung des Stoffes. Unterrichtsvorbereitungen, Schulpraktikum, fachdidaktische Lehrveranstaltungen, Unterrichtsbesuche begleiten das wissenschaftliche Studium und bereiten den Lehrer auf seine Aufgaben vor.

 

ALTNEUE METHODEN. Dazu gibt es in der allgemeinen Religionsdidaktik eine Fülle von Neuansätzen und neuartigen Lehrmittel. Wir verfolgen in enger Zusammenarbeit mit dem Praktisch-Theologischen SeminarIcon External Link der Universität Heidelberg den Stand der Forschung auf diesem Gebiet. Dabei zeigt sich allerdings, dass der „Letzte Schrei“ oft nichts als der „Urschrei“ ist. Die viel gepriesene performative Symbol- und Liturgiedidaktik mit angeknüpften „sokratischem“ Lehrgespräch erinnert stark an das älteste biblische Lehrgebot: „Wenn dich dein Kind morgen fragt, was das für Zeugnisse, und Satzungen und Vorschriften sind (...) so sprich zu ihm (5 Mose 6, 20-21) und an die Formen rabbinischer Unterweisung (→ D. Krochmalnik, „Wenn dein Sohn dich fragt ...“. Das symbol- und ritualdidaktische Paradigma des Sederrituals). Eine ausführliche Behandlung der jüdischen Fachdidaktik erfolgt im Referendariat (→Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in HeidelbergIcon External Link).

 

NACH DEM STUDIUM. Der Lehrstuhl für jüdische Religionspädagogik ist über die Ausbildung von jüdischen Religionslehrern hinaus in vielfältiger Weise in Fragen der Religionsunterrichts involviert und soll auch nach Abschluss der Ausbildung ein Bezugspunkt der jüdischen Religionslehrer bleiben.

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März 2016

Raum für interreligiöses Lernen

Studierende der evangelischen, islamischen und katholischen Theologie an der Universität Osnabrück interpretieren jüdische Schrift im Blockseminar

40 Studierende der Universität Osnabrück nahmen am interreligiösen Blockseminar teil. Foto: Universität Osnabrück / Elena Scholz

40 Studierende der Universität Osnabrück nahmen am interreligiösen Blockseminar teil.
Foto: Universität Osnabrück / Elena Scholz
 

Anfang Februar dieses Jahres hielt Prof. Dr. Daniel Krochmalnik, tätig am Lehrstuhl für Jüdische Religionslehre, -pädagogik und -didaktik an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, ein Blockseminar zur jüdischen Schrifthermeneutik an der Universität Osnabrück. Die drei Institute für Evangelische Theologie, Islamische Theologie und Katholische Theologie hatten die Veranstaltung gemeinsam angeboten.

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Letzte Änderung: 09.05.2016