Bibel und Jüdische Bibelauslegung

Lehrstuhlinhaberin:

Prof. Dr. Hanna Liss
Prof. Hanna Liss gastiert im Jahr 2008/09 am Alfried Krupp-Wissenschaftskolleg in Greifswald und arbeitet zu einem Projekt über 'Rapprochements littéraires': Raschbams Bibelkommentare und die höfische Literatur im 12. Jahrhundert.
Der Lehrstuhl wird in dieser Zeit von Prof. Dr. Gianfranco Miletto vertreten.

Mitarbeitende am Lehrstuhl:

Ingeborg Lederer, M.A.


Das Fach Bibel und Jüdische Bibelauslegung beschäftigt sich zunächst mit dem Text der Bibel und dessen Deutung. Dass hiermit eine wissenschaftliche Beschäftigung mit den textlichen Grundlagen (unter Anwendung der Methoden der historisch-kritischen Bibelwissenschaft sowie der Erforschung der altorientalischen Religionsgeschichte) gemeint ist, braucht nicht eigens betont zu werden. Schwieriger ist da schon die "jüdische Bibelauslegung", denn hier handelt es sich ja nicht unbedingt um wissenschaftliche Exegese im modernen Sinn. Dennoch steht natürlich außer Frage, dass die traditionelle jüdische Bibelauslegung ein wesentlicher Bestandteil von Forschung und Lehre gerade an der Hochschule für Jüdische Studien darstellen sollte, nicht zuletzt deswegen, weil dieser Forschungsbereich in Deutschland und auch in den anderen europäischen Nachbarländern entweder gar nicht oder nur sehr eklektisch und am Rande bearbeitet wird. Da das Fach Bibel und Jüdische Bibelauslegung darüber hinaus weder in Deutschland noch in den USA oder in Israel eindeutig profiliert ist, sollen nachfolgend die unterschiedlichen Arbeitsfelder und -aufgaben für dieses Fach kurz skizziert und im Anschluss daran die derzeitigen und künftigen Arbeitsschwerpunkte vorgestellt werden.

Das Fach Bibel und Jüdische Bibelauslegung beschäftigt sich mit Text, Überlieferung, exegetischer Rezeption und moderner Deutung der Hebräischen Bibel von der Antike bis in die Neuzeit. Dabei umfasst allein das Forschungsgebiet für die biblische Geschichte und Literatur, d.h. für die Epoche zwischen ca. 1200 und 100 v.u.Z., einen historischen Rahmen von mehr als 1000 Jahren. Nimmt man (ohne die rabbinische Traditionsliteratur im engeren Sinn) noch die Quellen zur jüdischen Bibelauslegung in Mittelalter und Neuzeit hinzu, so umfasst dieses Fach idealtypisch mehr als 2500 Jahre, die in literarspezifischen Detailfragen ebenso wie in zunehmend fächerübergreifenden Fragestellungen und Forschungsansätzen überblickt sein wollen.

Die Arbeit im Fach Bibel und Jüdische Bibelauslegung vollzieht sich auf zwei deutlich zu unterscheidenden und dennoch ineinandergreifenden Ebenen: Auf der ersten Ebene steht die eigentliche Arbeit am biblischen Text selbst. Der Anspruch der modernen wissenschaftlichen Bibelforschung und Bibelkritik liegt dabei in der Erfassung und Deutung des ursprünglichen Sinnes eines Textes, seine Entstehungssituation und -geschichte, der Erarbeitung seiner soziohistorischen Prägung und seiner spezifischen sprachlichen Gestaltung. In diesem Rahmen arbeitet die moderne jüdische Bibel-Exegese mit den Methoden der klassischen historisch-literarischen Kritik, die sich in den akademischen Lehranstalten auf christlicher und jüdischer Seite weitgehend, wenngleich auch jeweils unterschiedlich akzentuiert, durchgesetzt hat.

Auf einer zweiten Ebene steht die Beschäftigung mit der jüdischen Rezeption der hebräischen Bibel und damit einerseits mit der Geschichte der jüdischen Bibelauslegung und andererseits mit der hermeneutischen Frage der Relation zwischen (moderner) jüdischer Deutung eines Textes und historisch-kritischer Erforschung der hebräischen Bibel. Da die rabbinische Epoche im hier genannten Fachbereich nicht schwerpunktmäßig bearbeitet wird (gehört arbeitstechnisch zum Fach Talmud, Codices und rabbinische Literatur), liegen die Schwerpunkte im Bereich der Erarbeitung der Quellen zur jüdischen Bibelauslegung auf dem für die jüdische Exegese entscheidenden Zeitraum von der ersten Hälfte des 10. bis zur 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts sowie auf dem 19. und 20. Jahrhundert. Die erstgenannte Periode wird beherrscht von Persönlichkeiten wie R. Saadya Gaon, R. Shelomo Yizchaqi (RaShY), R. Shemu’el ben Meïr (RaShBaM), R. Avraham Ibn Ezra, den Mitgliedern der Familie Qimchi und R. Moshe ben Nachman (RaMBaN = Nachmanides). Alle diese Exegeten betrieben nicht nur das Studium und die Auslegung der Bibel als eine eigene Disziplin, die eine entsprechende Literaturgattung nach sich zog (die jüdische Bibel-Kommentarliteratur); vielmehr taten sie dies auch vor einem bei den einzelnen je unterschiedlichen, aber stets explizit formulierten hermeneutischen Hintergrund und exegetischen Anspruch (Herausforderung durch die Qaräer; die sog. Peshat-Exegese usw.). Das 19. Jh. markiert demgegenüber die Umbruchzeit von der traditionellen jüdischen Bibelauslegung zur historisch-kritischen Erforschung der Bibel. Die diese Zeit prägenden Auseinandersetzungen um das Verständnis der Hebräischen Bibel können hermeneutisch nicht hoch genug veranschlagt werden und prägen die jüdische Bibelauslegung bis heute.

Die historische Erforschung der Geschichte der Auslegung des biblischen Textes ist nicht mit der Auslegung des Textes selbst zu verwechseln, wenngleich natürlich die exegetische Arbeit am Bibeltext oftmals auf philologische oder sonstige inhaltliche und formale Beobachtungen der jüdischen Exegeten aus Mittelalter und Neuzeit zurückgreifen wird. Die Geschichte der jüdischen Bibelauslegung ist eine Geschichte der Vielzahl von Auslegungen des biblischen Textes. Entscheidend für ein sinnvolles Ineinandergreifen beider Arbeitsbereiche (sowohl in der eigenen wissenschaftlichen Arbeit als auch im Lehrbetrieb) scheint mir zu sein, die verschiedenen Deutungen in Bezug zu den ihnen zugrundeliegenden exegetischen Methoden zu setzen und den an sich selbstverständlichen hermeneutischen Grundsatz, nach dem die Art der Auslegung ihr inhaltliches Ergebnis bedingt, bei der eigenen Arbeit mitzubedenken. Es muss also darum gehen, auch bei der modernen literaturgeschichtlichen und literaturwissenschaftlichen Bearbeitung der hebräischen Bibel den jüdischen Auslegungshintergrund stets mitzureflektieren und damit die moderne wissenschaftliche Auslegung selbst zu einem integrativen Bestandteil der jüdischen Auslegungstradition werden zu lassen. Vor diesem Hintergrund kann dann auch die traditionelle jüdische Bibel-Auslegung als eine wissenschaftliche Fachdisziplin und umgekehrt die historisch-kritische Erforschung der Bibel als ein Teil auch der jüdischen Bibelexegese verstanden werden. Da die jüdische Bibelauslegung kein sola-scriptura-Schriftprinzip kennt, muss auch die moderne wissenschaftliche Bibelforschung ihren exegetischen Standpunkt innerhalb der jüdischen Bibelauslegung einnehmen.

Das Fach Bibel und Jüdische Bibelauslegung beschäftigt sich mit Text, Überlieferung und exegetischer Rezeption der Hebräischen Bibel von der Antike bis in die Neuzeit. Mit Ausnahme der neuzeitlichen Literatur sind alle entscheidenden Quellen auf Hebräisch verfasst. Das Studium in diesem Fach hängt daher in hohem Maße von der Beherrschung der hebräischen Sprache ab. Grundlegende Sprachkenntnisse sind daher eine unabdingbare Voraussetzung.

Die im Grundstudium angebotenen Kurse dienen der Einführung sowohl in die Bibel selbst, als auch in deren Auslegungsgeschichte. Gleichzeitig sollen in diesen Kursen erste Schritte im Umgang mit dem hebräischen Text erlernt und geübt werden. Im Proseminar für die Einführung in die (moderne) Bibelauslegung wird daher so weit wie irgend möglich am hebräischen Text selbst gearbeitet. Dies ist schon deshalb nötig, weil viele exegetische Auslegungsmethoden (wie beispielsweise Textkritik, Form- oder Traditionsgeschichte) nicht unabhängig von der hebräischen Sprachgestalt angewandt werden können. Gerade die jüdische Auslegungstradition hat die biblische Offenbarung als hebräisches schriftliches Zeugnis viel zu ernst genommen, als dass hier einfach auf eine andere Sprache ausgewichen werden könnte.

Auch im Proseminar und der Übung für die Geschichte der traditionellen jüdischen Bibelauslegung wird ausschließlich am hebräischen Text gearbeitet, da, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, diese Literatur bislang ohnehin kaum ins Deutsche oder in eine andere moderne Fremdsprache übertragen wurde. In diesem Kurs werden nicht nur regelmäßig (vor allem mittelalterliche) hebräische Texte übersetzt; es sollen vor allem Kenntnis einer bestimmten Terminologie erlangt und, damit einhergehend, die literarische Verarbeitung anderer (und wiederum hebräischer) Quellen, erkannt und inhaltlich interpretiert werden. Daneben gehören auch so "profane" Dinge wie das Erlernen der RaShY-Kursive (immer noch!) und der Umgang mit den Miqra’ot Gedolot zum Programm dieser Lehrveranstaltungen.

Da sowohl die Auslegung des Bibeltextes selbst als auch die Interpretation der Auslegungsliteratur ein Mindestmaß an Hebräisch-Kenntnissen erfordern, wurde seit kurzem vereinbart, dass Studenten, die an der HFJS mit dem Hebräisch-Kurs beginnen, mindestens ein Jahr Unterricht vorweisen müssen, um grundlegende grammatikalische Kenntnisse und die Fähigkeit zum unvokalisierten Lesen vorweisen zu können (in der Regel also ab dem 3. Fachsemester).

Ziel der Lehrveranstaltungen im Grundstudium ist es, die Studenten anhand der Originalquellen in das Fach, seine Literatur und seine Methoden einzuführen. Hebräische Sekundärliteratur wird dabei noch nicht verwendet.
Mehr noch als im Grundstudium sollte im Hauptstudium die Arbeit ausschließlich am hebräischen Textmaterial selbstverständlich sein und hier nun auch hebräische Sekundärliteratur einschließen. Sind Studierende durch die Proseminararbeit im Grundstudium bereits an den Umgang mit der Hebräischen Bibel gewöhnt, kann auch im Haupt-Seminar zur hebräischen Bibel am masoretischen Text gearbeitet werden. Ebenso steht auch derjenige Student nicht "wie der Ochs” vor dem Berg der jüdischen Traditionsliteratur, der im Grundstudium die RaShY-Kursive geübt und die spezifische Terminologie des RadaQ schon einmal gehört hat. Die Bearbeitung einzelner vertiefender Fragestellungen kann dann auf dem im Grundstudium angeeigneten Stoff aufgebaut werden.
Wie überall bedarf auch im Fach Bibel die systematische Heranführung an die hebräischen Quellen einer gewissen Gewöhnung von seiten der Studierenden. Neben anfänglichem und zumeist unberechtigtem "Sprachstress" wird jedoch das Lehrangebot, das in der oben beschriebenen Weise strukturiert ist, gerne angenommen.

In Kooperation mit der Ruprecht Karls-Universität Heidelberg (Inst. Geschichte, Germanistik, Europ. Kunstgeschichte, Romanistik) wird das Interdisziplinäres Masterprogramm Heidelberger Mittelalter Master angeboten."

Projekt: Der Kommentar zum Zwölfprophetenbuch (Perush Tere Asar) von Josef ben Schimon Kara (ca. 1050-1125): Kritische Edition und kommentierte Übersetzung.

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Letzte Änderung: 13.05.2010