Bibel und Jüdische Bibelauslegung

INHALT

 

TEAM

 

Lehrstuhlinhaberin

Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Studentische Hilfskräfte

  • Ekaterina Gotsiridze
  • Dr. Johannes Knöppler
  • David Lüllemann
  • Emanuel Marx
  • Timotheus Schweizer
  • Melissa Anwar Uthmann


 

 

AKTUELLE FORSCHUNGSPROJEKTE

 

Dfg1. DFG-Langzeitvorhaben: Corpus Masoreticum. Die Inkulturation der Masora in die jüdische Gelehrsamkeit Westeuropas im 11.–13. Jh. Digitale Erschließung einer vergessenen Wissenskultur

Ziel dieses Projektes ist es, unter Anwendung verschiedenster Verfahren der digitalen Edition zu zeigen, welche Masora- und Bibeltext-Traditionen sich in aschkenasischen Bibeln finden, und wie diese im Detail zu analysieren sind. Zu diesem Zweck wurde BIMA 2.0 entwickelt. BIMA 2.0 ist eine kollaborative digitale open source Arbeitsumgebung, die auf der Grundlage graphenbasierter Datenmodelle (sog. text-as-a-graph mit Neo4J) eine intuitive Benutzeroberfläche bereitstellt, die es den Forscher:innen ermöglicht, unterschiedlichste Arten von handschriftlichen Textbefunden wie Bibeltext, Masora oder Glossen in einem Arbeitsbereich so zu transkribieren, zu übersetzen und analysieren, dass Bild und Text eng visuell verbunden sind. Erreicht wird dies durch die Verwendung von farbig markierten Textpfaden auf SVG-Basis, die direkt auf die Oberfläche von hochauflösenden Bildern der Manuskriptseiten gelegt werden. BIMA 2.0 bezieht Handschriften-Digitalisate mittels des IIIF-Protokolls und erzeugt wiederum mit Annotationen angereicherte IIIF-Manifeste direkt aus der Editionsumgebung heraus. Die digitalen Aspekte unseres Projektes führen auch zu einer Reevaluierung der Frage, was eine Edition zu repräsentieren habe. Die digitale Editionstechnik macht es dabei unumgänglich, Methodologie und Beobachtungsansätze präzise zu definieren und zu formalisieren. Zum ersten Mal wird eine diplomatische Edition dem Leser nicht nur das edierte Material in linearer Form darbieten, sondern es auch mit seiner Form und seinem Layout verknüpfen. Die Beziehung zwischen dem mikrografischen Bild und seinem philologischen Inhalt wird sicht- und interpretierbar. Dadurch werden zukünftige Erforschungen der Frage danach ermöglicht, wie Wissen gesammelt und verbreitet, aber auch versteckt und chiffriert wurde.

Im Zentrum der Arbeit der ersten Förderungsphase von Corpus Masoreticum standen auf der DH-Seite die Entwicklung und Einrichtung von BIMA 2.0; für die Editionsarbeit bildeten die großformatig dekorierten aschkenasischen Bibeln mit mikrographischen Illustrationen aus dem 13. und 14. Jh. sowie ihre textkritische Rezeption durch aschkenasische Gelehrte und halachische Koryphäen den Schwerpunkt. Diese Editionen, die mit zunehmender Projektlaufzeit mit zusätzlichen Inhalten und Funktionen für die Nutzer ergänzt werden sollen, sind online zugänglich via http://bima2.corpusmasoreticum.de/manuscripts und werden sukzessive mit Metatextfunktionen ausgestattet werden. Schon jetzt konnten bahnbrechende Resultate hinsichtlich der philologischen Eigenschaften der masora figurata, ihrer Funktion und ihrer Zweckbestimmung erzielt werden. Zur Förderung seiner Einbindung in die wissenschaftliche Gemeinschaft wurde für Corpus Masoreticum ein internationaler Beirat eingerichtet und eine eigene Veröffentlichungsreihe etabliert.

 

2. DFG-Projekt: Biblia Rabbinica: Der Bibeltext in der rabbinischen Literatur – Erfassung der Textvarianten anhand der babylonisch-jemenitischen Texttradition

Ziel des Projektes ist die vollständige computergestützte Erfassung und Auswertung der Lesevarianten in ausgewählten rabbinischen Texten anhand der babylonisch-jemenitischen Texttraditionen. Die Textvarianten werden mit anderen Textzeugen verglichen und traditionsgeschichtlich eingeordnet werden. Bearbeitet werden die samaritanischen Rezensionen, griechische Bibeltext-Rezensionen: Septuaginta(e), Aquila, Symmachus und Theodotion, die Peschitta (syrisch), Vetus Latina und Vulgata (lateinisch), die Targum-Rezensionen (aramäisch) sowie weitere Variantensammlungen von Kennicott und de Rossi. Die Analyse dieser Varianten wird eine bislang vernachlässigte Perspektive für die Rekonstruktion der Variabilität der biblischen Textgeschichte bis ins Hohe Mittelalter hinein erschließen und bislang nahezu unerforschtes Material zur Flexibilität der Bibeltext-Traditionen in den rabbinischen Literaturen zur Verfügung stellen.

 

3. Teilprojekt B04 im Sonderforschungsbereich 933 „Materiale Textkulturen“ (Universität Heidelberg/HfJS): Gelehrtenwissen oder ornamentaler Zierrat? Die Masora der Hebräischen Bibel in ihren unterschiedlichen materialen Gestaltungen

 

4. Mitglied im Arbeitskreis „Text und Textlichkeit“

  • Finanziert durch die Fritz Thyssen Stiftung für Wissenschaftsförderung2018_11_27_Logo_FritzThyssen
    Sprecher: Prof. Dr. Andreas Kablitz (Romanistik und Komparatistik, Universität zu Köln), Prof. Dr. Christoph Markschies (Evangelische Theologie, HU Berlin), Prof. Dr. Peter Strohschneider (Germanistische Mediävistik, LMU München)
    www.fritz-thyssen-stiftung.de/arbeitskreise/text-und-textlichkeit/vorstellung


 

 

WISSENSTRANSFER-AKTIVITÄTEN UND OUTREACH:
Multimediale Beiträge für das Projekt Corpus Masoreticum


Dokumentationsvideos

Dokumentationsvideos, in denen Ziele und Methoden des Projektes sowie einzelne Artefakte vorgestellt werden, ermöglichen dem interessierten nicht-fachwissenschaftlichen Publikum Einblicke in die faszinierende Welt der jüdischen Bibelauslegung, der masora figurata und der hebräischen Buch- und Wissenskultur des Mittelalters.

"Wenn Bibel auf Literatur trifft – Yaaqovs und Esaws unbekannte Seiten", Serie "Madda ba-Bayit" ‘Wissenschft zu Hause’ des Zentralrats der Juden in Deutschland: https://youtu.be/yOk0ZXdAxuE

Dokumentationsvideos aus den verschiedenen Projekten:
https://www.youtube.com/channel/UCalER-_CjwOedcaZrGBG0nQ
https://t1p.de/BIMA-Video1

https://t1p.de/BIMA-Video2

 

Multimediale Online-Ausstellung: Versunkene Schätze: Die hebräische Buchkultur des mittelalterlichen Judentums in Westeuropa

https://buchkultur.ausstellung.corpusmasoreticum.de

Der Lehrstuhl für "Bibel und Jüdische Bibelauslegung" nahm das Jubiläum "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" zum Anlass, einer breiteren Öffentlichkeit das Themenfeld des materialen Erbes des aschkenasischen Judentums zu präsentieren. In diesem Rahmen wurde eine Online-Ausstellung erstellt, die multimedial anhand hebräischer mittelalterlicher Handschriften die jüdische Gelehrtenkultur vorstellen soll.

Als Mittel der Wissenschaftskommunikation hat sich das Projekt zum Ziel gesetzt, nicht nur die leidvolle Geschichte des Judentums im Gegenüber zur kirchlichen Macht zu thematisieren, sondern auch positiven Aspekte kultureller und theologischer Synergien sichtbar zu machen: Die Ausstellung stellt künstlerisch und ästhetisch dem Antagonismus von Kirche und Judentum das Bild einer kulturell fruchtbaren Interdependenz zwischen den jeweiligen Umweltkulturen und der jüdischen Bildungsgesellschaft an die Seite, die bislang erst in Ansätzen erkannt und gewürdigt wurde.

Konzept und Text: Prof. Dr. Hanna Liss; Webdesign, Video- & Audioproduktion: Clemens Liedtke, M.A.

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Rashi-Kommentar mit mikrographischer Karte von Erets Kanaan (Detail): Leipzig BH fol. 1, fol. 161r

 

 

 

ABGESCHLOSSENE FORSCHUNGSPROJEKTE

1. Der Kommentar zum Zwölfprophetenbuch (Perush Tere Asar) von Josef ben Schim’on Kara (ca. 1050-1125): Kritische Edition und kommentierte Übersetzung

  • Das Projekt beschäftigt sich mit dem jüdischen Bibelausleger Josef ben Schim’on Kara (ca.1050-1125). Es wird der Kommentar zum Zwölfprophetenbuch ediert. Die Sichtung und Aufarbeitung der Handschriften unter Einbeziehung bisher bekannter Textfragmente lässt einen exemplarischen Überblick zur Textgeschichte des Kommentars und zur nordfranzösischen Kommentartechnik und –überlieferung erwarten. Ziel des Projektes ist die computergestützte Erfassung und editionstechnische Aufbereitung aller bislang dem Kara zugeschriebenen Textzeugen in Manuskriptform sowie etwaiger Text-Parallelen, die bislang als Raschi-Kommentare firmieren. Darüber hinaus soll eine kommentierte Übersetzung ins Deutsche angefertigt werden. Gleichzeitig wird eine Präsentation und wissenschaftliche Weiterverwertung des Materials in einer elektronischen Editionsform angestrebt.
  • Erste Veröffentlichungen online unter www.Medieval-Jewish-Studies.org
  • Akademische Mitarbeiterinnen: Anette Adelmann M.A., Claudia Brendel M.A.
  • Finanzierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) 2007-09.

Dfg2. Theorie und Praxis der rituellen Reinheit im mittelalterlichen aschkenasischen Judentum / Ritual Purity in Medieval Ashkenaz (Teilprojekt B11 im SFB 619 Ritualynamik)

  • Das Projekt beschäftigt sich mit den Gesetzen zur rituellen Reinheit im mittelalterlichen aschkenasischen Judentum. Es soll die Frage bearbeitet werden, warum bestimmte Gruppierungen wie die sog. ‚deutschen Frommen’ (sozialdynamischer Faktor: aschkenasische Elitebildung) zu bestimmten Zeiten (geschichtsdynamischer Faktor: Judenverfolgung und –vertreibung) entweder eine verstärkte theoretische Beschäftigung mit den Gesetzen zur kultischen Reinheit oder eine praktische Intensivierung der Reinheitsrituale entwickelt haben, welche Praktiken von welchen Diskursen bestimmt sind, und welche innovativen Elemente in den Diskurs über rituelle Reinheitsgesetze gegenüber der klassisch-rabbinischen Anschauung in der Antike eingebracht werden.

  • Umfang: eine Mitarbeiterstelle (TVL 13 50%) und 2 Hiwi-Stellen (20 /Woche; 150 Std./Halbjahr)
  • Finanzierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) 2009-13
  • www.ritualdynamik.de

Mcas3. Research Project: Scepticism in Medieval Ashkenaz and the Tosafists as Masterminds—The Glosses in MS Vienna Cod. hebr. 220 and their Critical Discourse Against Traditional Exegesis

  • Maimonides Centre for Advanced Studies, University of Hamburg
  • Senior Fellow: October 2017–March 2018
  • Hanna Liss will contribute to the question of scepticism by writing a case study on the dissemination and transmission of sceptical thought in Medieval Ashkenaz by investigating the exegetical glosses to a Rashi recension in MS Vienna Cod. hebr. 220, a great many of which are very similar to the Torah commentary attributed to Rashbam. These Tosafists’ glosses portray a sceptical view of the Midrashic tradition of the so-called Rishonim (in particular Rashi) by focusing on the plot of the biblical narrative and its storyline, the psychology of the biblical characters, or on contemporary profane lore and knowledge.
    However, the fact that the glosses with their external mise-en-texte represent the consensus magistri shows that notwithstanding their new exegetical approach, they aim to appear to be attempting to integrate older traditions. Liss’s study will demonstrate that the intellectual elite in Ashkenaz and Northern French developed a sceptical approach towards rabbinic tradition that differed from its Oriental and Sefardic counterparts not only as regards the subjects to be dealt with, but also regarding the external form of the writings (mise-en-texte; layout).

4. Graduiertenkolleg 1728-0 Theologie als Wissenschaft. Formierungsprozesse der Reflexivität von Glaubenstraditionen in historischer und systematischer Analyse

  • Antragstellende Hochschulen: Goethe-Universität, Frankfurt am Main (federführend); Philosophisch-Theologische Hochschule (PTH) Sankt Georgen, Frankfurt am Main; Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg; Johannes-Gutenberg Universität Mainz
  • 1. Sprecher: Prof. Dr. Thomas Schmidt (Goethe-Universität, Frankfurt am Main); designierte 2. Sprecherin: Prof. Dr. Hanna Liss (Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg)
  • Finanzierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) 2012-16 und 2016-20
  • Akademische Mitarbeiter: Dipl.-Theol. Johannes Müller, Sebastian Seemann M.A.
  • www.theologie-als-wissenschaft.de/

 

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PROMOTIONEN (in Erstbetreuung)

Laufende Verfahren

Annabelle Fuchs M.A.

›Kleine‹ Midraschim? Mittelalterliche hebräische Midraschim zwischen Bibelauslegung und Heldenepos

Gefördert durch das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk

Johannes Müller M.A.

Radaqs Psalmenkommentar im Spannungsfeld der jüdisch-christlichen Kontroverse

Wiss. Mitarbeiter

Sebastian Seemann M.A.

Neu-Edition der Okhla-Rezension Paris und ihr Verhältnis zu den inner- und außerbiblischen masoretischen Listen

Wiss. Mitarbeiterin im Projekt »Corpus Masoreticum«, gefördert durch die DFG

Maria Seidel M.A.

Der masoretische Kommentar des R. Ya‘aqov ben Asher Ba‘al ha-Ṭurim in seinem Verhältnis zur ashkenasischen Masora-Tradition

Wiss. Mitarbeiterin im Projekt »Corpus Masoreticum«, gefördert durch die DFG

 

Abgeschlossene Dissertationen

  • Dr. Ingeborg Solveig Lederer-Brüchner: Der Kommentar zum Buch Rut in der mittelalterlichen Auslegungsliteratur (abgeschlossen 2014; erschienen als Kommentare zum Buch Rut von Josef Kara Editionen, Übersetzungen, Interpretationen. Kontextualisierung mittelalterlicher Auslegungsliteratur (Judentum und Umwelt; Frankfurt u.a.: Peter Lang, 2017)
  • Jonas Leipziger M.A.: Lesepraktiken im antiken Judentum. Materialität – Schriftgebrauch – Rezeption (abgeschlossen 2019; Promotion im Rahmen des SFB 933, gefördert durch die DFG)
  • Dr. Kay Joe PetzoldRaschi und die Masorah. Untersuchung der Rezeptionspraxis der Masorah in der Kommentarliteratur des Rav Salomo ben Isaaq (Raschi) (Promotion im Rahmen des SFB 933, gefördert durch die DFG; abgeschlossen 2015; erschienen als Masora und Exegese. Untersuchungen zur Masora und Bibeltextüberlieferung im Kommentar des R. Schlomo ben Yitzchaq (Raschi) [Materiale Textkulturen 24; Berlin/Boston: De Gruyter 2019], open access: https://www.degruyter.com/view/product/512737).

 

 

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PROFIL DES LEHRSTUHLS

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Wissenschaftliche Bibelauslegung und jüdische Bibelauslegung

Das Fach Bibel und Jüdische Bibelauslegung beschäftigt sich zunächst mit dem Text der Bibel und dessen Deutung. Dass hiermit eine wissenschaftliche Beschäftigung mit den textlichen Grundlagen (unter Anwendung der Methoden der historisch-kritischen Bibelwissenschaft sowie der Erforschung der altorientalischen Religionsgeschichte) gemeint ist, braucht nicht eigens betont zu werden. Schwieriger ist da schon die "jüdische Bibelauslegung", denn hier handelt es sich ja nicht unbedingt um wissenschaftliche Exegese im modernen Sinn. Dennoch steht natürlich außer Frage, dass die traditionelle jüdische Bibelauslegung ein wesentlicher Bestandteil von Forschung und Lehre gerade an der Hochschule für Jüdische Studien darstellen sollte, nicht zuletzt deswegen, weil dieser Forschungsbereich in Deutschland und auch in den anderen europäischen Nachbarländern entweder gar nicht oder nur sehr eklektisch und am Rande bearbeitet wird. Da das Fach Bibel und Jüdische Bibelauslegung darüber hinaus weder in Deutschland noch in den USA oder in Israel eindeutig profiliert ist, sollen nachfolgend die unterschiedlichen Arbeitsfelder und -aufgaben für dieses Fach kurz skizziert und im Anschluss daran die derzeitigen und künftigen Arbeitsschwerpunkte vorgestellt werden.

Das Fach Bibel und Jüdische Bibelauslegung beschäftigt sich mit Text, Überlieferung, exegetischer Rezeption und moderner Deutung der Hebräischen Bibel von der Antike bis in die Neuzeit. Dabei umfasst allein das Forschungsgebiet für die biblische Geschichte und Literatur, d.h. für die Epoche zwischen ca. 1200 und 100 v.u.Z., einen historischen Rahmen von mehr als 1000 Jahren. Nimmt man (ohne die rabbinische Traditionsliteratur im engeren Sinn) noch die Quellen zur jüdischen Bibelauslegung in Mittelalter und Neuzeit hinzu, so umfasst dieses Fach idealtypisch mehr als 2500 Jahre, die in literarspezifischen Detailfragen ebenso wie in zunehmend fächerübergreifenden Fragestellungen und Forschungsansätzen überblickt sein wollen.

 

Arbeit am biblischen Text und jüdische Rezeption der hebräischen Bibel 

Die Arbeit im Fach Bibel und Jüdische Bibelauslegung vollzieht sich auf zwei deutlich zu unterscheidenden und dennoch ineinandergreifenden Ebenen: Auf der ersten Ebene steht die eigentliche Arbeit am biblischen Text selbst. Der Anspruch der modernen wissenschaftlichen Bibelforschung und Bibelkritik liegt dabei in der Erfassung und Deutung des ursprünglichen Sinnes eines Textes, seine Entstehungssituation und -geschichte, der Erarbeitung seiner soziohistorischen Prägung und seiner spezifischen sprachlichen Gestaltung. In diesem Rahmen arbeitet die moderne jüdische Bibel-Exegese mit den Methoden der klassischen historisch-literarischen Kritik, die sich in den akademischen Lehranstalten auf christlicher und jüdischer Seite weitgehend, wenngleich auch jeweils unterschiedlich akzentuiert, durchgesetzt hat.

Auf einer zweiten Ebene steht die Beschäftigung mit der jüdischen Rezeption der hebräischen Bibel und damit einerseits mit der Geschichte der jüdischen Bibelauslegung und andererseits mit der hermeneutischen Frage der Relation zwischen (moderner) jüdischer Deutung eines Textes und historisch-kritischer Erforschung der hebräischen Bibel. Da die rabbinische Epoche im hier genannten Fachbereich nicht schwerpunktmäßig bearbeitet wird (gehört arbeitstechnisch zum Fach Talmud, Codices und rabbinische Literatur), liegen die Schwerpunkte im Bereich der Erarbeitung der Quellen zur jüdischen Bibelauslegung auf dem für die jüdische Exegese entscheidenden Zeitraum von der ersten Hälfte des 10. bis zur 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts sowie auf dem 19. und 20. Jahrhundert. Die erstgenannte Periode wird beherrscht von Persönlichkeiten wie R. Saadya Gaon, R. Shelomo Yizchaqi (RaShY), R. Shemu’el ben Meïr (RaShBaM), R. Avraham Ibn Ezra, den Mitgliedern der Familie Qimchi und R. Moshe ben Nachman (RaMBaN = Nachmanides). Alle diese Exegeten betrieben nicht nur das Studium und die Auslegung der Bibel als eine eigene Disziplin, die eine entsprechende Literaturgattung nach sich zog (die jüdische Bibel-Kommentarliteratur); vielmehr taten sie dies auch vor einem bei den einzelnen je unterschiedlichen, aber stets explizit formulierten hermeneutischen Hintergrund und exegetischen Anspruch (Herausforderung durch die Qaräer; die sog. Peshat-Exegese usw.). Das 19. Jh. markiert demgegenüber die Umbruchzeit von der traditionellen jüdischen Bibelauslegung zur historisch-kritischen Erforschung der Bibel. Die diese Zeit prägenden Auseinandersetzungen um das Verständnis der Hebräischen Bibel können hermeneutisch nicht hoch genug veranschlagt werden und prägen die jüdische Bibelauslegung bis heute.

Die historische Erforschung der Geschichte der Auslegung des biblischen Textes ist nicht mit der Auslegung des Textes selbst zu verwechseln, wenngleich natürlich die exegetische Arbeit am Bibeltext oftmals auf philologische oder sonstige inhaltliche und formale Beobachtungen der jüdischen Exegeten aus Mittelalter und Neuzeit zurückgreifen wird. Die Geschichte der jüdischen Bibelauslegung ist eine Geschichte der Vielzahl von Auslegungen des biblischen Textes. Entscheidend für ein sinnvolles Ineinandergreifen beider Arbeitsbereiche (sowohl in der eigenen wissenschaftlichen Arbeit als auch im Lehrbetrieb) scheint mir zu sein, die verschiedenen Deutungen in Bezug zu den ihnen zugrundeliegenden exegetischen Methoden zu setzen und den an sich selbstverständlichen hermeneutischen Grundsatz, nach dem die Art der Auslegung ihr inhaltliches Ergebnis bedingt, bei der eigenen Arbeit mitzubedenken. Es muss also darum gehen, auch bei der modernen literaturgeschichtlichen und literaturwissenschaftlichen Bearbeitung der hebräischen Bibel den jüdischen Auslegungshintergrund stets mitzureflektieren und damit die moderne wissenschaftliche Auslegung selbst zu einem integrativen Bestandteil der jüdischen Auslegungstradition werden zu lassen. Vor diesem Hintergrund kann dann auch die traditionelle jüdische Bibel-Auslegung als eine wissenschaftliche Fachdisziplin und umgekehrt die historisch-kritische Erforschung der Bibel als ein Teil auch der jüdischen Bibelexegese verstanden werden. Da die jüdische Bibelauslegung kein sola-scriptura-Schriftprinzip kennt, muss auch die moderne wissenschaftliche Bibelforschung ihren exegetischen Standpunkt innerhalb der jüdischen Bibelauslegung einnehmen.

Das Fach Bibel und Jüdische Bibelauslegung beschäftigt sich mit Text, Überlieferung und exegetischer Rezeption der Hebräischen Bibel von der Antike bis in die Neuzeit. Mit Ausnahme der neuzeitlichen Literatur sind alle entscheidenden Quellen auf Hebräisch verfasst. Das Studium in diesem Fach hängt daher in hohem Maße von der Beherrschung der hebräischen Sprache ab. Grundlegende Sprachkenntnisse sind daher eine unabdingbare Voraussetzung.

 

Kursformate

Die im Grundstudium angebotenen Kurse dienen der Einführung sowohl in die Bibel selbst, als auch in deren Auslegungsgeschichte. Gleichzeitig sollen in diesen Kursen erste Schritte im Umgang mit dem hebräischen Text erlernt und geübt werden. Im Proseminar für die Einführung in die (moderne) Bibelauslegung wird daher so weit wie irgend möglich am hebräischen Text selbst gearbeitet. Dies ist schon deshalb nötig, weil viele exegetische Auslegungsmethoden (wie beispielsweise Textkritik, Form- oder Traditionsgeschichte) nicht unabhängig von der hebräischen Sprachgestalt angewandt werden können. Gerade die jüdische Auslegungstradition hat die biblische Offenbarung als hebräisches schriftliches Zeugnis viel zu ernst genommen, als dass hier einfach auf eine andere Sprache ausgewichen werden könnte.

Auch im Proseminar und der Übung für die Geschichte der traditionellen jüdischen Bibelauslegung wird ausschließlich am hebräischen Text gearbeitet, da, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, diese Literatur bislang ohnehin kaum ins Deutsche oder in eine andere moderne Fremdsprache übertragen wurde. In diesem Kurs werden nicht nur regelmäßig (vor allem mittelalterliche) hebräische Texte übersetzt; es sollen vor allem Kenntnis einer bestimmten Terminologie erlangt und, damit einhergehend, die literarische Verarbeitung anderer (und wiederum hebräischer) Quellen, erkannt und inhaltlich interpretiert werden. Daneben gehören auch so "profane" Dinge wie das Erlernen der RaShY-Kursive (immer noch!) und der Umgang mit den Miqra’ot Gedolot zum Programm dieser Lehrveranstaltungen.

Da sowohl die Auslegung des Bibeltextes selbst als auch die Interpretation der Auslegungsliteratur ein Mindestmaß an Hebräisch-Kenntnissen erfordern, wurde seit kurzem vereinbart, dass Studenten, die an der HFJS mit dem Hebräisch-Kurs beginnen, mindestens ein Jahr Unterricht vorweisen müssen, um grundlegende grammatikalische Kenntnisse und die Fähigkeit zum unvokalisierten Lesen vorweisen zu können (in der Regel also ab dem 3. Fachsemester).

Ziel der Lehrveranstaltungen im Grundstudium ist es, die Studenten anhand der Originalquellen in das Fach, seine Literatur und seine Methoden einzuführen. Hebräische Sekundärliteratur wird dabei noch nicht verwendet.
Mehr noch als im Grundstudium sollte im Hauptstudium die Arbeit ausschließlich am hebräischen Textmaterial selbstverständlich sein und hier nun auch hebräische Sekundärliteratur einschließen. Sind Studierende durch die Proseminararbeit im Grundstudium bereits an den Umgang mit der Hebräischen Bibel gewöhnt, kann auch im Haupt-Seminar zur hebräischen Bibel am masoretischen Text gearbeitet werden. Ebenso steht auch derjenige Student nicht "wie der Ochs” vor dem Berg der jüdischen Traditionsliteratur, der im Grundstudium die RaShY-Kursive geübt und die spezifische Terminologie des RadaQ schon einmal gehört hat. Die Bearbeitung einzelner vertiefender Fragestellungen kann dann auf dem im Grundstudium angeeigneten Stoff aufgebaut werden.
Wie überall bedarf auch im Fach Bibel die systematische Heranführung an die hebräischen Quellen einer gewissen Gewöhnung von seiten der Studierenden. Neben anfänglichem und zumeist unberechtigtem "Sprachstress" wird jedoch das Lehrangebot, das in der oben beschriebenen Weise strukturiert ist, gerne angenommen.

In Kooperation mit der Ruprecht Karls-Universität Heidelberg (Inst. Geschichte, Germanistik, Europ. Kunstgeschichte, Romanistik) wird das Interdisziplinäres Masterprogramm Heidelberger Mittelalter Master angeboten."

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Abraham Berliner Center zur Erforschung der Text- und Auslegungstraditionen der Hebräischen Bibel (ABC)

 

ABC-plakat
Abraham Berliner Center
Das ABC wurde am 21. April 2015 an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg aus Anlass des 100. Todestages von Abraham Berliner (1. Mai 1833 – 21. April 1915) offiziell gegründet.

Abraham Berliner steht stellvertretend für diejenigen jüdischen Gelehrten in Deutschland, die im Bereich der semitischen Sprachen sowie der Text- und Auslegungstraditionen der Hebräischen Bibel einschließlich der Targumim bahnbrechende Forschungsarbeit leisteten, für diese Forschung in Deutschland allerdings nie einen gesicherten akademischen Rahmen vorfanden, weder vor 1933 noch nach 1945. Das Abraham Berliner Center wird zum Gedenken an diesen Zweig der Wissenschaft des Judentums gegründet. Es ist gleichzeitig dem Anspruch verpflichtet, diese philologische und historische jüdische Wissenschaftskultur in Deutschland intensiv fortzuführen und zu fördern.

Im Mittelpunkt der Arbeit des Abraham Berliner Centers steht die Erforschung der Text- und Auslegungstraditionen der Hebräischen Bibel unter besonderem Einschluss der Masora- und Targumforschung. Dies geschieht zum einen durch die editorische Aufarbeitung der umfassenden Bibel-Handschriften sowie der westeuropäischen Kommentarliteratur, die seinerzeit von Abraham Berliner und anderen Vertretern der Wissenschaft des Judentums begonnen wurde und bis heute noch nicht ansatzweise abgeschlossen ist. Auf der anderen Seite wird die klassische philologische Grundlagenforschung durch die Integration  aktueller kultur- und religionswissenschaftlich orientierter Forschungsprojekte zur Bibel-, Targum- und Kommentarliteratur ergänzt.

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Letzte Änderung: 11.03.2022